Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Article
- Kommunismus, Sozialismus und biblisches Judentum
- Date
- 1921-09-01
- Page
- 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316919-2358838--32180-2358887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Im deutschen Reich gehörigkeit zu dieser Konfession oder, vom völkischen SiandPunkL ge« sehen, zu dieser Rasse für Radikalismus und Umsturz prädestiniere. Ein großer, um nicht zu sagen der größte Teil der deutschen Juden empfindet die unbestreitbare Tatsache der Zugehörigkeit einer verhältnismäßig großen Anzahl von Glaubensgenossen zu den radikalen Parteien vom politischen und auch vom konfessionellen Standpunkt aus sehr unangenehm, verteidigt sich auch gegen die dahingehenden Angriffe der Antisemiten, aber (auch das muß einmal gesagt werden) in unzutreffender Art und Weise. Es heißt da oft von Kanzeln, von Rednertribünen, in jüdischen Blättern: „das Mitleid mit den Armen und Unterdrückten, das gute und weiche jüdische Herz zeige sich dadurch, gerade ein Jude konnte und mußte der Welt die Idee des Sozialismus bringen usw." Alle diese Redner und Artikelschreiber befinden sich ebenso wie ihre antisemitischen Gegner in einem fundamentalen Irrtum. Das „gute jüdische Herz in allen Ehren", aber mit dem, was man unter Sozialismus versteht, mit dem Marxismus hat es nicht das geringste gemeinsam, sein Sozialismus, der Sozialismus des Alten Testaments, ist etwas ganz anderes. Nichts steht in größerem und schärferem Gegensatz zum Marxismus wie das Alte Testament. Sozialisten und Kommunisten berufen sich auch niemals auf das Alte, sondern immer nur auf das Neue Testament und seinen Paulinischen Kommunismus, allerdings auch mit Unrecht, denn dieser erblickt das Heil für die Menschheit doch auch nur darin, daß die Besitzenden ihren Besitz aus freiem Stücken, aus eigenem Antriebe geben, nicht daß die Allgemeinheit, der Staat oder gar die Besitzlosen ihn nehmen. Und das ist ein gewaltiger Unterschied! Aber nun gar das Alte Testament! Gewiß ist es sozial, macht es soziales Denken und Tun zur Pflicht, doch in ganz anderer Art. Wohl bedeutet das alle 50 Jahr wiederkehrende „Jobeljahr" mit seiner Neuaufteilung von Grund und Boden etwas ähnliches, aber über seine Verwirklichung wissen wir nichts Feststehendes, dagegen wird ausdrücklich berichtet, daß Hillel es seinerzeit gänzlich aufgehoben, weil es nur in eine Autarkie, aber nicht in einen exportierenden Handelsstaat hineinpaßte. Vor allem aber bestehen zwischen Altem Testament und Marxismus in fünf Punkten klaffende Gegensätze. — I. PrLvaLbesitz: Das Alte Testament gestattet ihn, empfiehlt ihn, verheißt ihn sogar als Belohnung. (Sombart rechnet letzteres dem Judentum als Vorwurf an.) Es legt ihm Lasten und Pflichten auf, verlangt aber nicht völligen Verzicht zugunsten der Allgemeinheit oder gar der Besitzlosen. Der Marxismus verwirft ihn von Grund aus und sieht in ihm die Quelle alles Nebels. II. Die Familie: Das Alte Testament legt auf diese Institution den höchsten Wert und erkennt ihre Autorität ausdrücklich an.; Der Marxismus verneint sie vollständig und bekämpft sie scharf, weil er von seinem Standpunkt aus mit Recht in ihr das stärkste Hindernis der Verwirklichung seiner Ideen sieht.