Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Article
- Vor dem Winter
- Date
- 1921-09-01
- Page
- 243 (sequence 2)
- Language
- German
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Vor dem ©intet 243 können. Wer zur Ausfüllung dieses Amtes nicht die nötige Zeit hat, nehme sich die Zeit, einen geeigneten Nachfolger zu suchen, der bei einigem guten Willen sU-ts gefunden wird. Immer wieder hört man die Klage: Vei uns in L-SLcrdt finden sich keine geeigneten Mitarbeiter. Das ist ein Irrtum und fast stets ein Zeichen dafür, datz nicht intensiv genug gesucht wird. Man muß den Kreis erweitern, mutz neue tatkräftige Männer und Frauen heranziehen, auch wenn sie vielleicht dem bisher herrschenden Geist der Gemeinde, vielleicht sogar der Majestät bisher verehrter Persönlichkeiten einmal nahezutreten die Kühnheit hatten. Wer arbeitsfreudig ist und Liebe zu unserer Sache im Herzen trägt, soll nicht nur, der mutz Mitarbeiten. Wir haben Kleber. Sie mögen gehen. Wir haben Leisetreter. Sie zehren an unserem Mark; sie schaden unserer Sache, ohne es zu wissen. Findet sich trotz allen Suchens hier und da wirklich keine geeignete Persönlichkeit, so ist eine Lücke in der Organisation einer ungenügenden Besetzung vorzuziehen, denn eine formale Besetzung läßt uns oftmals die Pflicht, für eine vollwertige Ausfüllung der Lücke zu sorgen, vergessen. 3. Der Vertrauensmann — mit diesem Begriff seren unsere Führer hier kurz umfaßt — lehre unsere Freunde lesen. Ist die Behauptung keine üble Nachrede, datz manche Mitglieder von Ortsgruppenvorständen z. B. unsere Zeitschrift ungelesen, manchmal sogar noch vom Streifband umgeben, beiseite legen? Jeder, der unserer Sache Interesse entgegenbringt, der Mitarbeiten will in unseren Reihen, mutz das Material, das wir in unserer Zeitschrift bieten, sich zu eigen machen. Er muß die dort vertretenen Gedankengänge prüfen und sich innerlich mit ihnen auseinandersetzen. Ob man ihnen zustimmt oder nicht, ist eine zweite Frage. Auf die innerliche Auseinandersetzung und soweit Tatsachen in Frage kommen, auf die restlose Beherrschung dieser Tatsachen kommt es an. So entsteht aus dem Lesen ein folgerichtiges Denken und Wissen. 4. Der Vertrauensmann lehre unsere Freunde die genaue Kenntnis des Gegners, er lehre unsere Jugend, daß unsere Stellung seit Jahrhunderten unser Verhängnis und unsere Gnade ist. Man mutz es ihr immer wieder vor Augen führen, daß mit allen Machtmitteln gegen uns gearbeitet und gehetzt wird, und daß diese Hetze meist niedrigen Motiven entspringt. Nur selten stehen un^ Gegner gegenüber, denen wir unsere Achtung nicht versagen können. Mit einfachen Handbewegungen kann man diese Wühlarbeit nicht abtun, mit indischer Gelassenheit erreicht man in Europa nichts; mit leeren Reden, mit Werturteilen wird nichts gebessert. Die Behauptung, alle Gegner seien unbelehrbar, dient nur zur Beschönigung der eigenen Untätigkeit und Unfähigkeit. Allein die genaue Kenntnis des Gegners und tiefes Eindringen in die geistige Grundlage seines Kampfes bietet Aussicht auf erfolgreiche Arbeit. Ob man Memmingen mehr oder minder kritisch beurteilt, ob man die Folgen der Ermordung Erzbergers auf die politische Atmosphäre günstig oder ungünstig einschatzt, ist ganz gleichgültig: Mit Prophetentum ist zurzeit nichts zu machen. Man lerne zunächst die Tatsachen kennen und erst dann über die Tatsachen urteilen, wenn man sie innerlich verarbeitet hat.