Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 201 (sequence 9)
- Language
- German
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Betrachtungen zum Irdisch sn Nationalismus' 201 Nationalität wollen das Judentum erhalten. Auch wir sehen Zerfall und Abbröckelung, Erlahmen der religiösen Energien, Verweltlichung der Seelen, bloßes Protz- und Trotzjudentum, Wir glauben nur nicht, daß die Schaffung einer modernen jüdischen Vollkultur in Palästina unseren seelischen und politischen Nöten ab helfen kann. Uns schwebt ein anderes Ziel vor. Wir wollen unsere deutschen Juden in ihrer Seele wieder fromm, in ihrem Glauben wieder stark, in ihrem GoLLesbewußLsein wieder jüdisch machen; wir wollen sie nicht Herausbrechen aus dem Zusammenhang der deutschen Kultur, sie nicht geistig entwurzeln im Hinblick auf eine Vollkultur, die noch nicht ist und die, wenn einstmals wirklich vorhanden, uns, die in deutscher Luft atmen, immer fremdartig und exotisch bleiben wird. Wir achten diejenigen, die hinüberziehen wollen nach Palästina und die schon vorhandenen Nationen noch um eine weitere vermehren wollen — unsere Sorgen, unsere Nöte werden damit nicht behoben. Dem gotterfüllten Menschen ist die Nation ein Wert, aber ein irdischer Wert; über sie hinaus stehen ihm die religiösen Wcrie. Ihr zeigt uns die letzten hundert Jahre und ihre verwüstenden Wirkungen. Und ihr seht es weiterrollen, das Verhängnis der Auflösung:.. Abfall und Taufe. Gemach, gemach! Hundert Fahre sind eine kurze Zeit. Auch am nordischen Himmel unserer Heimat leuchten die Sterne unseres Gottes, auch in unseren Hausern tönen die Weisen der Propheten und Psalmisten. Wir glauben und arbeiten gläubig daran, daß ein neues Geschlecht deutscher Juden erstehe, dem Edelsten deutscher Kultur ergeben, allem Haß und 'Neid zum Trotz, mitschaffend an der Vergeistigung deutschen Nationalbewußtseins und gleichzeitige ergriffen von Ehrfurcht vor dem heiligen Gotte Israels. Dieser Glaube steht gegen euren Glauben. Jeder strebe dem seinen nach! Und wenn die Wasser dieser Zeit sich verlaufen haben werden, wenn der Irrglaube eines biologisch gedeuteten Nationalismus vielleicht durch eine noch furchtbarere Weltkataftrophe wird hindurchgegangen sein und mit dem Fluche der europäischen Menschheit beladen die Stamme ferner Wüsten ergriffen hat, dann wird sich zeigen, ob der Nationalismus dem Judentum jenen Segen gebracht hat, den ihr davon erhofft . . . Es war das Verhängnis des Judentums, daß es am Ende des 18. Jahrhunderts sich dem Geiste der Aufklärung verschrieb, einem Geiste, der damals schon weltgeschichtlich gerichtet war. Und es droht wieder das Verhängnis des Judentums zu werden, daß es m dem heute herrschenden Nationalismus sich einem Geiste verschreibt, der weltgeschichtlich — trotz aller äußeren traurigen Triumphe — gerichtet ist. Wir wollen unser religiöses Erstgeburtsrecht nicht für das Linsengericht des Nationalismus aufgeben. Die Götzen, die moderne Juden anbeten, sind nicht aus Stein und Eisen. Es sind Begriffe der Zeit, „Idole des Marktes", — Baalim, die umtanzt und umschrien werden, und denen doch nicht der zündende Strahl von oben antwortet.