Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 3 (März 1921)
- Article
- Die jüdisch-nationale Heimstätte in Palästina
- Date
- 1921-03-01
- Page
- 90 (sequence 8)
- Language
- German
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90 Im deutschen Reich aber der Augenblick wird kommen, und der Augenblick kann nahe, vielleicht schon sehr nahe sein, wo jüdische Flüchtlinge aus dem Osten in einer Anzahl, die gar nicht abzuschätzen ist, sich nach Westen in Bewegung setzen. Diesen Anprall wird auch Deutschland — und wir vor allem — auszuhalten haben, und für diesen Augenblick die gebotene Hilfe Zur Verfügung zu haben, ist unsere vornehmste Pflicht, wird die gebieterische Pflicht des Augenblicks sein, während das PalästinmProblem die Aufgabe von Jahrzehnten und Jahrzehnten bleiben wird. Wir deutsche Juden können unsere Augen von Osteuropa heute nicht fortwenden. Unsere Sympathie aber bleibt Palästina, wo ein gemeinsames Wirken aller Juden demnächst als durchführbar erscheint. Zeitschau. Wahlen. Reichs- und L a n d t a g s w a h l e n in Ostpreußen! Ich erlebte sie im Zeichen des Hasses. Es ist kaum zu schildern, in welch gehässiger Weise in Versammlungen und Flugblättern namentlich in den kleineren Orten gegen uns Juden agitiert wurde. Gewiß war auch von jeher in anderen Teilen unseres Vaterlandes der Wahlkampf immer mit einer reichlichen Portion Judenhetze gewürzt; anders in Ostpreußen. Es gab eine Zeit, d a war dieses Land die Hochburg eines damals im besten Sinne des Wortes f rei g es in n t e n Bürger- und Bauerntums. Das wurde Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts durch den Kampf um die landwirtschaftlichen Schutzzölle anders. Mit der nach rechts gerichteten politischen Einstellung machte sich allmählich eine gewisse Abneigung gegen die Juden bemerkbar. Sie hielt sich indes in mäßigen Grenzen und hat auch in den Kreisen der F e ud aI ar i st o k r a ti e vor dem Kriege niemals eigentlich Fuß gefaßt. Vornehmheit der Gesinnung beherrschte den größten Teil des ostpreußischen Hochadels. Die entscheidende Wandlung brachten Kriegsende und Revolution, baltische Elemente kamen in die ländlichen Bezirke und schürten den Judenhaß unter Anwendung von dem russischen Muster entnommenen Methoden. Es ist hier kein Anlaß, Gegensätze auszuwühlep, aber es muß doch daran erinnert werden, daß russische Kriegshetzer gegen Deutschland, und zwar führende Generäle des russischen Heeres (Rennenkampf), eine Anzahl Diplomaten (der russische Gesandte Hartwich in Sofia), kurz ein großer Teil der gegen Deutschland in blinder Feindeswut