Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- Zur sozialen Hebung des jüdischen Lehrerstandes
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 391 (sequence 2)
- Language
- German
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Zur sozialen Hebung des jüdischen Lehrerstandes 39i ich ihn mit aller Entschiedenheit als unbegründet zurückweisen. Wir haben im Gegenteil, im ganzen betrachtet, eine geistig vorwärtsstrebende, unaufhörlich an sich arbeitende Lehrerschaft, und gerade unter den jüngeren Kollegen herrscht, wie ich an anderer Stelle bereits betont habe, ein außergewöhnlicher Bildungsdrang, ein förmlicher Bildungshunger. „Im Kriege selber ist das letzte nicht der Krieg." In dem Kampfe um die materielle Besserstellung der jüdischen Lehrerschaft handelt es sich — und das scheint Herrn Dr. Spanier, der seit einer Reihe von Jahren abseits der jüdischen Lehrerbewegung steht, völlig entgangen zu sein — zuguterletzt doch nicht nur um eine Frage des Materialismus, sondern um einerein religiöse Frage, um eine eminent wichtige sozial-ethische Angelegenheit der gesamten deutschen Judenheit. Generationen hindurch haben die jüdischen Kultusbeamten — Rabbiner und Lehrer — in den meisten Gemeinden eine rechtliche und materielle Stellung eingenommen, die sich nun einmal mit der Ehre und Würde des Judentums nicht verträgt. Ich habe mich in meinem Artikel in der Mai-Nummer dieser Zeitschrift, der merkwürdigerweise von Dr. Spanier völlig totgeschwiegen wird, ausführlicher darüber verbreitet. Der Rabbiner und Lehrer war, und ist es in vielen Gemeinden noch, gänzlich rechtlos. Er wird auf Kündigung angestellt, hcht auf die Leitung der religiösen Angelegenheiten der Gemeinde absolut keinen Einfluß — günstigstenfalls wird er einmal „gehört" —, besitzt weder das aktive noch das passive Wahlrecht zu irgendwelchem Gemeindeamt, und wenn es sich um die Vertretung der Gemeinde nach außen handelt, so wird diese nicht etwa dem religiösen und geistigen Führer, sondern dem Vorsteher, auch wenn dieser, wie es doch auf dem Lande nicht selten vorkommt, zu den wenig gebildeten Kreisen gehört, übertragen. Wie konnte solches in einer Gemeinschaft, die doch lediglich eine religiöse Gemeinschaft sein will, Vorkommen? Es war nur darum möglich, weil die Judenheit von einem Jahrzehnt zum anderen immer mehr vergessen hat, daß sie eine Religionsgemeinschaft ist, weil das religiöse Leben immer mehr in den Hintergrund getreten und infolgedessen der Kultusbeamte zu etwas Nebensächlichem und Ueberslüssigem geworden ist. Mit der Geringschätzung des Religiösen überhaupt sank auch der Vertreter des Kultus in eine gewisse Pariastellung hinab. Ist es doch mehr als einmal in Gemeinden vorgekommen, dag man die Aufnahme von Kultusbeamten in Geselligkeitsvereine, ja selbst in Logen, abgelehnt hat, weil man sie nicht als gesellschaftlich ebenbürtig angesehen hat. Auf diesem Niveau stand denn auch die Besoldung der Kultusbeamten und steht sie teilweise noch. A u ch d a s sozial-ethische Gewissen weiter jüdischer Kreise ist eben langsam eingeschläfert und muß im Interesse unserer Gesamtheit mit allen Mitteln wachgerüttelt werden. Es ist kein Kampf um materielle Güter, den wir führen, es ist ein Kampf um die sozial-religiöse Hebung unserer jüdischen Gemeinschaft, sie zu ethischem Denken und Handeln neu zu erziehen. Nicht eher kann und wird das jüdische Gemeinwesen nach außen und innen erstarken, als bis soziale Gerechtigkeit in unseren Reihen geübt und dem Träger des Kultus innerhalb der jüdischen Gemeinden die Stellung eingeiÄumt wird, Ae er lsür ein gedeihliches, segensreiches Wirken benötigt. Von einem zuverlässigen süddeutschen Freunde wurde mir kürzlich der Name eines christlichen Geistlichen genannt, der sich ihm gegenüber offen als Antisemit bekannt hat, und zwar mit der Begründung, daß er es den wohlhabenden jüdischen Gemeinden nicht verzeihen könne, in welch gedrückter materieller Lage sie dauernd ihre Kultusbeamten halten. Gegen diese geringschätzige Behandlung, die man den jüdischen Kultusbeamten — nicht nur den Lehrern, die Rabbiner in den mittleren Ge-