Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Article
- Geistlichkeit und Antisemitismus
- Date
- 1920-11-01
- Page
- 353 (sequence 3)
- Language
- German
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353 Geistlichkeit und Antisemitismus Erst. Zu später Stunde setzte die Diskussion ein, es-konnte aber nur noch ein Redner sprechen. Eine Entschließung wurde nicht gefaßt." Und das „Berliner Tageblatt" vom Mittwoch früh schildert den Verlauf wie folgt: „Lange vor Beginn schon war der Saal wegen Ueberfüllung gesperrt, so daß eine Parallelversammlung im Haus der Gesellschaft der Freunde aögehalten werden mußte. Als erster Redner nahm Pfarrer G. Diettrich auf folgende Weise Stellung: „Ist der Antisemitismus eine Angriffs- oder eine Abwehrbewegung? Ein wahrer Bekenner jüdischer Religion wird niemals Andersdenkende angreifen oder verfolgen. Der erdrückenden Mehrheit des Judentums gegenüber kommt also der Antisemitismus nur als A n g r i f f s b e w e g u n g in Frage. Ich als Geistlicher verurteile ihn erstens aus Gründen der Logik.. Er arbeitet mit maßlosen Uebertreibungen. Man sagt: „Die Juden haben die R e v o l u t i o n g e m a ch t." Ja, kann man denn so etwas „machen"? Und wenn Juden beteiligt waren, so waren es die besitzlosen und bedrückten. Die jüdische Religion ist wie jede ältere Religion staatserhaltend und lehrt die Ehrfurcht vorder Obrigkeit. (Sehr richtig!) Der Antisemitismus ist auch gegen die Moral. Es ist wahr, man findet auch unter den Juden Schieber, Drückeberger und Kriegsgewinnler. Aber gehen Sie, wohin Sie wollen, überall finden Sie solche Naturen. Man tut, als fände man sie nur bei den Juden. Wenn wir ausfegen wollen, dann wollen wir es, wo immer es sei, und uns dabei die Hand reichen, ob Jude oder Nichtjude." Bon jüdischer Seite sprach sodann Rabbiner Baeck: „Das Kränkendste für uns Juden am Antisemitismus ist seine Seelenlosigkeit und Geistlosigkeit. Er scheint nicht zu fühlen, daß der Jude eine Seele hat. Die Geschichte des Judentums ist ein Martyrium gewesen, und gerade die Vertreter des mürtyrerlosen alten Regimes, für dessen Rettung 1918 kein Tropfen Blut geflossen ist, sie sind jetzt unsere Gegner. Wenn man uns, wie den Sozialisten, immer wieder sagt: Ihr seid fremd hier und habt mit dem deutschen Vaterland nichts zu tun, darf man sich dann wundern, wenn einige es schließlich glauben und Rev o l u t i o n e werden?" Nach lebhaftem Beifall wurde dann, da der katholische Vertreter verhindert war, statt dessen eine Aeußerung des hessischen Justizministers Brentano-Tremezzo (Zentrum) verlesen, in der es heißt: „Als objektiv denkender und als gerechter Mann muß man jede ehrlich religiöse Ueberzeugung achten . . . Es ist unchristlich, die jüdische Lehre als solche herabzusetzen und zu bekämpfen. . Die Stellungnahme der katholischen Geistlichkeit soll in einer erneuten Versammlung nachgeholt werden. Der dritte Redner war Pfarrer Liz. Bittlinger. Er sagte: „Unsere deükschen jüdischen Mitbürger haben mit uns ein gemeinsames jahrhundertelanges Kulturleben. Sie sind dadurch gleichberechtigter und wertvoller Bestandteil des deutschen Volkes geworden. Ich bin überzeugt, daß der Antisemitismus das Staatswohl schädigt. Man sagt, der deutsche Geist verjudet. Ich halte den jüdischen Geist für ein sehr gutes Ferment/ Wir verjuden nicht, ich fürchte eher, wir verrussen. Wenn die Juden auswandern, so würde unser deutsches Volk gewaltig viel geistiges Kapital und wirtschaftliche Ideen verlieren. Der Antisemitismus ist gerade heute auch ganz besonders unzeitgemäß, wo die ganze Welt voll Anti g.erm anismus ist. Wir sollten uns lieber miteinander gegen den Haß wehren und