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Im deutschen Reich · 1920-11-01 · Heft 11 (November 1920) · p. 352

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 11 (November 1920)
Article
Geistlichkeit und Antisemitismus
Date
1920-11-01
Page
352 (sequence 2)
Language
German
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gm deutschen Reich 352 lenken. Das Schlagwort, die Juden seien nicht produktiv, könne einer ernsten Prüfung nicht standhalten. Abgesehen von den bedeutsamen wissenschaftlichen Leistungen der Juden von Spinoza bis Einstein, haben die Juden das Alte Testament und damit die Grundlage aller wahren Frömmigkeit und Kultur geschaffen. Ihre Propheten haben die Einzelseele entdeckt und dem Menschen die sittliche Verantwortung für sein Handeln auferlegt. Pfarrer Liz. Bittlinger bezeichnete die deutschen Juden, die seit Jahrhunderten große Kulturarbeit in Deutschland geleistet hätten, als einen wertvollen Bestandteil des deutschen- Volkes. War der-Antisemitismus schon immer eine Ungerechtigkeit, so unzeitgemäß wie heute ist er noch niemals gewesen. Denn was uns not tut, sei eine Einheitsfront aller Staatsbürger ohne Unterschied gegen den allgemeinen Deutschenhaß in der Welt, eine Einheitsfront aller Konfessionen gegen die Mächte per Zersetzung und Zerstörung. Er hoffe, daß die Juden trotz aller Angriffe und Kränkungen ausharren und dem deutschen Volke immer Treue halten werden. Ferner sprach'Rabbiner Dr. B a e ck. Da der katholische Redner, Studienrat Or. Kurfeß, gestern verhindert war, soll demnächst eine zweite Versammlung stattstnden." Der Bericht des „Vorwärts" vom Dienstag abend lautet: .... „Ueber „Wir Geistliche und der Antisemitismus" sprachen in beiden Versammlungen dieselben Redner, zwei Geistliche der evangelischen Kirche und von jüdischer Seite ein Rabbiner. (Der katholische Redner war verhindert; in einer geplanten neuen Versammlung will auch die katholische Geistlichkeit ihren Standpunkt darleaen.) In der Philharmonie führte als Vertreter der evangelischen Kirche der Pfarrer Dr. G. Diettrich aus, daß der Antisemitismus nicht als Wwehrbewegung gelten könne, wenn auch einzelne Juden gegenüber Nichtjuden sich zu taktlosen Angriffen haben Hinreißen lassen. Die hinter dem Centralverein stehenden 300 000 Juden bekennen sich als Deutsche (Zustimmung), und ein wahrer Bekenner der jüdischen Religion werde Andersgläubige niemals um ihrer Religion willen angreifen. (Beifall.) Als Angriffsbewegung sei der Antisemitismus zu verwerfen aus Logik wegen seiner Verallgemeinerungen von Fehlern der Juden, aus Moral wegen seines Pharisäertums, schließlich aus Religion, weil im Judentum zuerst Religion und Sittlichkeit zur Einheit verbunden und damit die Grundlage aller Kultur geschaffen worden sei. (Lebhafter Beifall.) Noch mehr war die Rede des Rabbiners Dr. B a e ck auf den religiösen Ton gestimmt. Einleitend beklagte er, daß der Antisemitismus nicht versuche, in den jüdischen Geist einzudringen und das Martyrium des Judentums zu verstehen. Unsere Gegner sind, sagte er, die Kreise der Märtyrerlosen, die — wie der Zusammenbruch gezeigt hat — mit dem Munde die Treue geloben, aber sie nicht mit der Tat beweisen. Von einer Ausbreitung der Religiosität erwartet er Ueberwindung des seelenlosen Antisemitismus. Dieser hindere auch das deutsche Volk nach dem Zusammenbruch an der Einkehr, weil er die Juden als Sündenbock hinstelle. ' Wenn das Judentum Einkehr hält, werde es den Antisemitismus überdauern. (Starker Beifall.) Der dritte Redner, der evangelische Pfarrer Bittlinger, streifte sehr stark das Gebiet der Politik. Als Staatsbürger müsse er den Antisemitismus verwerfen. Der Ruf „Schlagt die Jud.en tot!" erinnere an die anderen Rufe „Schlagt die Kapitalisten tot!" und „Schlagt die Kirche tot!" Als Christ dürfe er niemand hassen, auch nicht die Juden. Ihre Fehler seien aus der geschichtlichen Entwicklung zu erklären, aber daneben solle. man ihre Vorzüge nicht übersehen. Er schloß mit der Mahnung, daß „alle miteinander ausharren in dieser schweren Zeit". (Starker Beifall.)

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