Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Article
- Antisemitismus und bewußte Jungjuden
- Date
- 1920-11-01
- Page
- 334 (sequence 2)
- Language
- German
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Im deutschen Reich 884 gen Willen in uns lebendig zu suhlen, „drüben" zu sein — daran hindert uns Aufrichtigkeit gegen uns selbst. Erwägungen ganz anderer Art hindern uns, den Standpunkt der meisten deutschen Anden der älteren Generation einzunehmen. Es sind dies die Juden, die Jahrzehnte, derer: Vater Jahrhunderts in Deutschland leben, die an deutscher Kultur Mitarbeiten, sich in deutsches Wesen eingefühlt haben und es als ihr eigenes zu empfinden glauben, die Deutschland als ihre wirkliche, einzige Heimat lieben. " v In dem in gewissem Grade parallel sich bewegenden Anwachsen zweier Strömungen in der deutschen Gesellschaft: der rassenantisemitischen auf der einen und der zionistischen (soweit der jüdische Teil dieser Gesellschaft in Betracht rammt) auf der anderen Seite erblicken sie nicht mit Unrecht eine große Gefahr für die Sicherheit ihrer eigenen Stellung zu der Umwelt. Sie glauben dieser Gefahr zu begegnen, indem sie zwar nicht au-fhören wollen, Juden Zu sein, aber sich vor allem auf ihr.„Deutscht u m" b e s i n n t n. Sie glauben sich völlig erklärt zu' haben mit der Formel „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens". Hier ist die Stelle, wo wir jungen Juden in den-Kreisen, von denen ich sprach, unsere Stimme erheben, 'weil wir der „Gssahr" anders, „positiver" begegnen wollen, nicht aus politischen Erwägungen, sondern von innerer Nötigunggetrieben. Der Name „deutsche Staatsbürger jüdischen GlauLenZ" ist nicht falsch; er bezeichnet nicht etwas, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Aber wir müssen diesem Namen einen stärkeren Inhalt geben. Wenn wir uns, Deutsche, die wir nun einmal sind und sern wollen, ernstlich auch auf unser Judentum besinnen, dann erkennen wir, daß das in dem Namen zu kum kommt. Aber wir treten für diese „Selbstbesinnung auf unser Judentum" ein, weil wir glauben, daß auf diesem natürlichen, gruWehrlichen, auch von großen Gruppen der „deutschstämmigen" Jugend begangenen Wege am ehesten das gemeinsame Ziel erreicht und aus dem schmutzigen Kampf ein freudiger Wettkampf wird. Gewiß' find wir deutsche Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten jedes anderen deutschen Staatsbürgers; daran kann sind darf niemals mehr gerüttelt werden; es ist die oberste Aufgabedes mehr oder minder zufällig so gewordenen territorialen Gebildes, das wir „Staat" nennen, ein für alle seine Angehörigen gleiches Recht zu schaffen und zu verbürgen. Aber es ist unrichtig, wenn man behaupten wollte — und viele tun es in ehrlicher Ueberzeugunbdaß wir, abgesehen von unserm Glauben, den Nichtjuden in jeder Hinsicht gleichgeartet seien. Es ist nicht, oder nicht allein der Glaube, der das uns Juden innewohnende Verbund e n h e i L s g e f ü h l wach hält; in unserer vom Dogma befreiten Zeit sind die religiös-sittlichen Vorstellungen allzuvieler Juden vost' denen eines „aufgeklärten" modernen Christen durchaus nicht so verschieden. Ebensowenig, wenn auch stark in ihrem Einfluß, ist es die durch die Jahrhunderte verhältnismäßig rein erhaltene .Stammesgem ein schaft, die das uns Gemeinsame gebildet hat; wir lehnen die Rassentheorie ab, die in lächerlicher Verkennung des Tatsächlichen leh^t, daß sich der Mensch in seiner Rasse erschöpfe und vollende. Aber wie wir, da wir vorurteilslos nicht in jedem völkisch denkenden Deutschen einen Antisemiten wittern, ohne Scheu zugeben können, daß es etwas wie ein „deutsches Wesen", ein/„deutsches Volkstum" gibt, so fühlen wir, treu uns selbst und in dem Bewußtsein, daß „anders sein" nicht „schlechter sein" heißt, daß in uns, soweit .wir uns wirklich noch als echte Juden erkennen, ein in Abstammung und Religiosität, Geschichte und