Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Article
- Einheitsfront
- Date
- 1920-11-01
- Page
- 333 (sequence 5)
- Language
- German
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Antisemitismus und bewußte Jungjuden 333 werden kann, beginnt man sich auch in Deutschland nicht zu verschließen, und der Aufruf zur Einigkeit ist darum mehr als eine schöne Geste und eine ideale Theorie. Zur Einleitung der Einigkeitsbestrebungen schreibt aber Herr Sammy Gronemann ein Buch, durch das er fast die gesamte deutsche^ Judenheit vor den Kopf stößt, sie beschimpft, beleidigt und verärgert, ein Buch, das den Zwiespalt im Judentum zu vertiefen und zu verewigen geeignet ist wie nie ein anderes zuvor! ' Es gibt eben noch sehr, sehr kluge Politiker! Antisemitismus und bewußte Zirngsuden. Von cand. jur, et cam. Ludwig Frank (Nürnberg-Freiburg i. Vr.*) Wen viele Feinde bedrängen, der, wird sich seines Wertes erst recht bewußt; und über wen die ganze Welt redet, der beginnt auch schließlich über sich nachzudenken. Dem jungen Menschen spricht man, gewiß nicht mit Unrecht, die „Erfahrung" ab, die das gereifte Alter auszeichnet; aber allzuoft ist diese vielgerühmte „Erfahrung" nichts anders als die Einsicht, daß ein utilitaristisches Unpassen an die Verhältnisse und ein Totschweigen ernstlich nicht wegzuleugnender Probleme ein ruhigeres Leben verspricht; von dieser Einsicht allerdings weiß sich die Fugend gerne frei und scheut in. ihrem von keinerlei Nützlichkeitserwägungen geschwächten Willen zur ehrlichen Klarheit vor keiner, wenn auch unbequemen Konsequenz zurück. So hat auch in unserer jüdischen Jugend die immer höher ansteigende antisemitische Bewegung ein wachsendes Selbstgefühl ausgelöst und daneben den starken Wunsch geweckt, über ihr Wesen und ihre Stellung zur Umwelt zu einer befriedigenden Erkenntnis zu kommen. Von diesen beiden Kräften getrieben, haben sich da und dort Kreise junger, denkender Juden zusammengeschlossen, die die Lösungen, wie sie von den beiden sich schroff einander gegenüberstehenden Richtungen im Judentum ge-, geben werden, nicht für bedingungslos annehmbar betrachten/ Wir sehen klar, daß sehr vieles von dem, was die immer noch überwiegende Mehrheit der deutschen Juden sagt, richtig ist. ^Uns trennt von den Zionisten vor allem das: Wenn wir ehrlich sein wollen, so müssen wir bekennen, daß uns nicht nur jede Sehnsucht nach Palästina, sondern auch jeder Wille zur . Teilnahme an der Bildung eines jüdischen Nationalstaates -fehlt. Das ist keine Feigheit, noch mangelnder Mut zur Konsequenz, sondern die Ueberzeugung, daß es ein gewagtes Experiment ist, die geschichtliche Entwicklung gewaltsam zu regulieren; daß wir nicht mehr in einem Zeitalter reiner Nationalstaaten leben, die heutzutage geradezu ein Unding sind; daß eine Lösung für das Gesamtjudenproblem damit doch nicht gegeben wäre und eine Reihe weiterer prinzipieller und praktischer Einwände. Uns aber Zionisten zu nennen, ohne gleichzeitig den sehnsüchti- *) Wir haben diese Gedanken eines jungen Freundes unserer Sache gerne gebracht, weil wir es als unsere Pflicht ansehen, auch die Jugend hier zu Worte kommen zu lassen. Wir glauben, daß die meisten Zweifel, die in dem Herzen des jungen Verfassers aufgetaucht sind, behoben werden durch die' Ausführungen, die Eugen Fuchs in seinem Aufsatz „Glaube und Heimat" gemacht hat. Hier wird dem Juden unserer Idee das gegeben, was er zu seinem Kampf und zu seiner jüdischen Arbeit braucht. (Die Redaktion.)