Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / K. A.
- Date
- 1920-10-01
- Page
- 307 (sequence 2)
- Language
- German
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Zeitschau 307 lich, einmal tiefer über diese Dinge nachzudenken, um sich restlos, zu vergegenwärtigen, in welch blutiges Elend wir uns selber hineingeritten haben. Wir Juden zumal sollten an unserem Feste auch dieser Dinge gedenken. Wir haben es bitterer vielleicht denn alle anderen nötig. Gegen uns tobt der schärfste Kampf, wir fühlen am deullichsten, wie sehr man doch geneigt ist, in diese» Auseinandersetzungen mehr ass das politisch und geistig Trennende zu sehen. Wir sind die Aussätzigen des Volkes! Aber wir haben davon nichts gelernt, wir selbst, wir, die kleine Schar, rasen gegeneinander in nicht minder scharfer Form. Vor acht Tagen war für uns die Stunde des Beginnes eines neuen Jahres. Eine Stunde des Gedenkens und eine Stunde der Hoffnung war sie für uns. Eine Stunde des Gedenkens! In uns hineinschauen sollten wir, aber auch zurückblicken auf das, was wir erfahren haben. Wie mußte dieser Rückblick ausfallen! Die Judengegner rasen, ihr Vernichtungswille tobt sich lauter denn je aus. Kennen wir die Gefahr, in der wir schweben, ganz deutlich? Recht oft hören wir heute die Meinung vertreten, daß der Antisemitismus nicht mehr so stark sei wie zuvor. Die Pogromgefahr, die uns gerade vor einem Jahre sehr bedrohte, sei geschwunden, und damit sei das Hauptübel verringert. Leider vermögen wir diese Auffassung nicht zu teilen, und es tut auch nicht gut, sich in eine Sicherheit zu wiegen, aus der das Erwachen schrecklich sein-müßte. Das eine scheint gesagt werden zu dürfen, der Judenhaß, der sich auf der Straße ausbrüllte, ist ein wenig abgemildert. Einsichtigere unter den Gegnern haben gesehen, daß man mit einer solchen Methode nicht nur Nicht weiterkommt, sondern auch in weiten Kreisen des Volkes statt Anklang Ablehnung erfährt. Zu dem Vergnügen, .Scheiterhaufen brennen zu sehen, hat man doch noch nicht allseitig die Lust. Aber das, was geblieben ist und was sich immer mehr vertieft, dürste vielleicht der schlimmere Teil des Uebels sein. Wir haben an dieser Stelle oft genug unsere warnende Stimme erhoben vor einer Unterschätzung der antisemitischen Agitation. Schon tritt auch dem Fernerstehenden deutlicher in die Erscheinung, was eigentlich von denen unserer Gegner, die die geistigen Drahtzieher sind, beabsichtigt wird. Auch sie wollen einen Scheiterhaufen errichten, auf dem wir verbrannt werden. Aber dieser Scheiterhaufen soll so sein, daß auf ihm das gesamte Judentum seinen Platz hat! Nicht soll aus der Masse der eine heraus gegriffen werden, und dieser eine unter dem Beifallschreien des Volkes Beachtet die Anzeige: Philo Verlag!