Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Article
- Notwendigkeit und Aufgaben der studentischen Ortsgruppen
- Date
- 1920-09-01
- Page
- 280 (sequence 2)
- Language
- German
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2S0 Im deutschen Reich vor allem an die empörenden Vorfälle in Rostock und Göttingen, insbesondere aber an den Versuch, in Hannover und Hamburg unsere staatsbürgerlichen Rechte zu verletzen, vollends aber an den Fall Meyer in Karlsruhe, wo sich die Studentenschaft nicht scheute, in das Berufungsrecht des Senates einzugreifen und die Berufung der Hochschullehrer zu einer Angelegenheit des politischen Kampfes zu machen. Führen wir uns vor Augen, daß aus diesen Jüngern der Wissenschaft einmal die Lehrer hervorgehen werden, die die Jugend des deutschen Volkes erziehen, die Juristen, die sein Recht anwenden und fortbilden, ja überhaupt — der Theorie nach wenigstens — die geistigen Führer, die sein gesamtes wissenschaftliches, ethisches und politisches Leben und Fühlen bestimmen sollen, so wird es wohl auch dem Indifferentesten unter uns klar werden, daß wir jüdischen Studenten uns zum Kampf zusammenschließen müssen, nicht nur um unser selbst, sondern um der Zukunft der ganzen deutschen Judenheit willen. .Dieser Zusammenschluß kann nur aus bewußt jüdischer Grundlage erfolgen. An sich schon erwartet man im politischen Leben, daß jeder seine Sache selbst führt. So hat die Arbeiterklasse, obwohl sie Freunde in andern Volksschichten hatte, die ihre Bestrebungen billigten und vielleicht auch tätig unterstützt hätten, sich doch mit vollem Rechte selbständig organisiert und durch eigene Tätigkeit chre Forderungen durchgesetzt. Wir Juden, insbesondere wir jüdischen Studenten, haben von vornherein viel weniger Unterstützung zu erwarten; es handelt sich ja bei uns nicht in erster Linie um wirtschaftliche Fragen, um nackte, augenfällige Not, zu deren Bekämpfung man Außenstehende verhältnismäßig leicht gewinnen.kann, sondern um den Versuch, uns aus der Gesellschaft zu stoßen, uns die Ehre zu rauben, uns mit tausend kleinen Nadelstichen zu kränken — es handelt sich, mit dürren Worten, bei uns um Kränkungen, die nur der wirklich zu empfinden vermag, der unmittelbar davon betroffen wird. Wir müssen uns also selber Helsen. Wir müsien uns aber auch wirklich alle zu vereinen trachten, da bei der kleinen Zahl der jüdischen Studierenden uns keiner aus persönlichen Gründen verlorengehen darf. Wir müssen endlich den Rückhalt einer großen Organisation zu gewinnen suchen. Es ergibt sich also für uns, soweit wir auf nichtzionistischem Boden stehen, als Organisationsform die Bildung von studentischen Ortsgruppen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Freilich genügt es nicht, diese Ortsgruppen zu bilden, vielleicht noch einige Schritte gegen den Antisemitismus zu unternehmen und sich dann, froh der getanen bzw. nicht getanen Arbeit, zum erquickenden Schlafe niederzulegen. Dazu sind jüdische Organisationen nicht da, die haben Arbeit, und zwar positive Arbeit zu leisten. Vor allem gilt das für studentische Vereinigungen. Studierender ist ja soviel wie Jungakademiker, studentische Bewegung also einerseits Akademikerbewegung, andererseits Jugendbewegung. Beide Eigenschaften verpflicht enjüdische Studenten beweg ungen zu positiv-jüdischer Arbeit.