Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Article
- Reichstagswahlen und Centralverein
- Date
- 1920-06-01
- Page
- 180 (sequence 3)
- Language
- German
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180 Im deutschen Reich ihre Angriffe angeblich nur gegen jene Juden richten, die berechtigterweise Angriffspunkte darbieten; es gibt Parteien, die zu ihren führenden Männern nur aufrichtige Gegner des Antisemitismus erkoren haben, und die gleichwohl antisemitische Strömungen in einzelnen Wahlkreisen dulden, Strömungen, die es verhindern oder die es zu verhindern suchen, daß jüdische Kandidaten für den deutschen Reichstag aufgestellt werden. Auch dieser versteckte Antisemitismus, auch dieser Antisemitismus, der sich offen zu bekennen nicht wagt, und der unter der Oberstäche vergiftend fortwirkt, muß von jedem aufrechten Juden unbedingt und rücksichtslos bekämpft werden. Und zwar warum? Etwa ausschließlich aus jüdischem Egoismus, aus dem Wunsche heraus, die Juden stärker politisch zur Geltung zu bringen- — ganz und gar nicht. Gewiß haben die jüdischen Staatsbürger ein Recht zu verlangen, daß ein Jude seiner Abstammung und seiner Religion wegen nicht bei der Kandidatenaufstellung anders und schlechter behandelt wird, als irgendein anderer Staatsbürger. Wenn sie sich gegen solche Praktiken wenden, so vollziehen sie einen Akt gesunder Selbstachtung; aber schließlich handelt es sich nicht allein in einem solchen Falle um Selbstachtung: Unser demokratisches Zeitalter verlangt von jedem, gleichgültig ob er in höherem Grade konservativen oder radikalen Anschauungen zuneigt, daß kein Mensch seiner Ahnen oder seiner Religion wegen von der allgemeinen staatsbürgerlichen Gleichheit ausgeschlossen wird. Die moderne Zeit urteilt nicht auf Grund von Stammbäumen; diese Form der Stellungnahme ist auf dem europäischen Kontinent seit der großen französischen Revolution der moralischen Verurteilung ausgeliesert worden und mehr und mehr in Verfall geraten. In einem modernen Staatswesen wird der Mensch nicht nach dem beurteilt, was seine Ahnen gewesen, sondern nach dem, was er selbst ist, und hier zeigt sich das reaktionäre Gesicht des Antisemitismus trotz aller Verhüllungen. Wer den Juden als Juden verurteilt; wer ihn glaubt zurücksetzen zu dürfen, weil er ein Jude ist; wer ihn im Wahlkampf in den Hintergrund schiebt seiner jüdischen Abstammung wegen, der ist und bleibt ein unmoderner Reaktionär, mag er sich welcher Partei immer angeschlossen haben. Und solchen Elementen, unter welchen politischen Verkleidungen sie immer auftreten, müssen wir aufrechten Juden entgegentreten. Sie nach irgendeiner Richtung hin politisch zu unterstützen, wäre falsch und widerspräche gesunder, politischer Selbstachtung. Es wird nicht immer ganz leicht sein, bei verwickelter und bei künstlich verdunkelter Sachlage das Richtige zu tun. Ein gesundes, von Ueberhebung freies, aber auch ein von schwäch-