Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Article
- Reichstagswahlen und Centralverein
- Date
- 1920-06-01
- Page
- 179 (sequence 2)
- Language
- German
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Reichstagswahlen und Centralverein 178 Dieser Kernpunkt der Satzungen des Centralvereins zwingt uns, mit aller Kraft gegen den Antisemitismus aufzutreten; er zeige sich in welcher Gestalt immer, und der Kampf gegen den Antisemitismus muß erklärlicherweise mit höchstem Nachdruck dann geführt werden,, wenn die Entscheidung fällt über die zukünftige Entwickelung der Politik des Deutschen Reiches. Diese schicksalsschwere Stunde steht unmittelbar für alle Deutschen männlichen und weiblichen Geschlechts, die das 20. Lebensjahr jcherschritten haben, bevor, und jede Jüdin und jeder Jude werden am kommenden 6. Juni ihre Pflicht gegen das deutsche Vaterland und gegen das Judentum zu erfüllen haben. Diese Pflichterfüllung ist offensichtlich und zwingend. Sie läßt sich in gewisser Richtung ohne jede Schwierigkeit erfüllen. Eine Jüdin oder ein Jude, die einem Antisemiten ihre Stimme geben, würden damit die verächtlichste Charakterlosigkeit dokumentieren. Sie würden durch diese ihre Tat bescheinigen, daß der antisemitische Vorwurf jüdischer Minderwertigkeit zu Recht besteht. Daß es derartige Exemplare gemeiner Selbsterniedrigung gibt, darf erklärlicherweise bezweifelt werden. ' ■ Spielte sich der Wahlkampf zwischen den Gegensätzen ab: „hie Antisemit; dort Gegner des Antisemitismus" — so bedürfte es schwerlich einer Erörterung über die Pflichten des Juden im Wahlkampf. Die Gegensätze treten aber nicht immer mit solcher Deutlichkeit in die Erscheinung, und Konflikte, die durch die Wahlen entstehen können, gibt es zahlreiche. Was haben die jüdischen Wähler zu tun, wenn das Gesamtprogramm eines Kandidaten zum Reichstag ihren Ueberzeugungeu entspricht/ und wenn dieser Kandidat sich zugleich versteckt oder offen zum Antisemitismus bekennt? Auch in diesem Falle kann es ein Schwanken nicht geben. Ein Kandidat, der sich auch nur in der verhülltesten Form für die Berechtigung des Antisemitismus au.sspricht, sollte niemals eine jüdische Stimme erhalten. Ein Jude, der ihm seine Stimme gibt, erniedrigt sich selbst. Er attestiert dem Antisemiten die Berechtigung des antisemitischen Programms; er negiert den unerschütterlichen Anspruch des Judentums auf Rechtsgleichheit; er dokumentiert, daß es für ihn Interessen gibt, die er höher .stellt als.das Bedürfnis nach Selbstachtung; er begeht eine moralische Ungeheuerlichkeit. In solchen Fällen die Entscheidung zu treffen, ist für den anständigen... jüdischen Charakter ohne jede Schwierigkeit. Es gibt kompliziertere Fälle. Wir haben Parteien in Deutschland, die offiziell den Antisemitismus abschwören;' es gibt Parteien in Deutschland, die