Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / K. A.
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 61 (sequence 2)
- Language
- German
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Zeitschau 61 beten Niedergang unseres Kunstlebens. In München hat sich gar daraufhin ein Volksbund für Kunst und Theater gebildet, der „volkstümlich deutsche Kultur" und „christliche Lebensauffassung pflegen" soll. Wir hätten allen Grund, all denen, die sich um eine Hebung unseres Kunstlebens verdient machen wollest, Dank zu zollen, wenn nicht aus jedem Wort, das hier gesprochen oder geschrieben wird, der antisemitische Pferdefuß hervorsähe. Gehören nicht zu denen, die das deutsche Theaterleben auf eine ganz außerordentliche Höhe gebracht haben, sehr viele jüdische Schauspieler und jüdische Theaterleiter? Und fast immer handelt es sich in den Fällen, in denen dieses antisemitische Protestgeschrei erhoben wird, um einen Sturm gegen nichtjüdische Autoren und nichtjüdische Theaterleiter. Der Verfasser von „Schloß Wetterstein" ist Nichtjude. Der künstlerische Leiter der Münchener Kammerspiele, in denen es zu stürmischen Demonstrationen kam, ist ebenfalls Nichtjude. Einen ebensolchen prächtigen Hereinfall erlebten die Antisemiten, als sie vor wenigen Tagen anläßlich der Ausführung der „Pfarrhauskomödie" von Lautensack in einem der Berliner Theater sich darüber entrüsteten, daß ein Jude einen solch unerhörten Angriff gegen Einrichtungen der katholischen Kirche zu schreiben wage. Leider hat der Verfasser diesen Herren nicht den Gefallen tun können, Jude zu sein. Lautensack ist niemals Jude gewesen. Wenn man sich mit dem Theater befaßt, läuft man selbst leicht Gefahr, Komödie zu spielen! Man weiß, daß in einer vergangenen Aera die Aufführungen im damaligen königl. Schauspielhaus unter einer Starrheit und Einseitigkeit litten, die jedenfalls nicht auf eine Anweisung von jüdischer Seite zurückzuführen sind. Jetzt hat sich, nachdem an die Spitze des nunmehrigen Staatstheaters ein jüdischer Intendant getreten ist, dieses Theater überraschend schnell zu einer bedeutenden Bühne emporgebildet. Und wie steht es mit dem durch die Juden hervorgerufenen Niedergang des deutschen Theaters im Einklang, daß dieses - Unternehmen nun unter jüdischer Leitung fast ausschließlich die gewaltigen Dramen Schillers aufführt? Wenn es nach den Antisemiten ginge, dürften hier doch nur seichte, prickelnde Ehekomödien dargestellt werden! Kürzlich las man in unseren Zeitungen dieses: Das französische Theater sei an den großen Ereignissen der Gegenwart spurlos vorbeigegangen. Trotz Krieg und Kriegesnot habe man fortgefahren, die übliche —' wir nennen sie französische — leichte Kost dem Publikum vorzusetzen. Dagegen, so schreibt ein Franzose, sei das deutsche, und insbesondere das Berliner Theater, durch die Ereignisse unserer Tage aufs tiefste aufgewühlt worden. Alle wahre Kunst, die hier vorgeführt werde, trage aufs