Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1920)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 30 (sequence 8)
- Language
- German
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30 Im deutschen Reich biszit bot, in welchem ihre Stimmen den Ausschlag gegeben hätten, indem es die Polen zwingen konnte, ihre ganze Judenpolitik von Grund aus zu ändern, diese Chancen fallen nun weg. Da aber die Ukrainer sich jetzt als die Herren der Situation fühlen, so werden sie ihrerseits an die Juden die gleichen Forderungen stellen, wie die Polen, nämlich, daß die Juden mit ihnen durch dick und dünn gehen. Zwischen diesen beiden Nationalitäten werden die Juden zerrieben werden. Die Fiktion einer Neutralität läßt sich natürlich, da die Juden kein besonderes Gebiet bewohnen, nicht aufrechLerhalten, ebensowenig wie die „nationale Autonomie" irgendwelche Bedeutung haben kann. Im übrigen ist von der nationalen Autonomie der Juden, die chnen die Ruthenen im November vorigen Jahres, vor dem Lemberger Pogrom, garantiert hatten, in diesem für die Ruthenen so günstigen Statut merkwürdigerweise mit keinem Worte die Rede. Die polnische und die ruthenische Sprache, die griechische und die römische Religion sind' gleichberechtigt, aber die Juden werden mit vollständigem Schweigen übergangen... In ganz Polen macht sich nun eine äußerst feindselige Stimmung gegen England geltend, dessen „hinterlistige Krämerpolitik" dem Bundesgenossen eine so schwere Niederlage bereitet habe. Daneben aber wächst der Groll auch gegen Frankreich immer mehr, und Dmowski wird beschuldigt, Polen viel zu sehr in den Dienst Frankreichs gestellt zu haben, wodurch es sich die Abneigung Englands zugezogen habe. England liebe nämlich nicht sonderlich jene Länder, die sich als Vasallen Frankreichs einsühren . . . Uebrigens habe Frankreich sicher den besten Willen gehabt, konnte aber wegen Polens nicht einen Konflikt mit dem mächtigen Bundesgenossen riskieren ... Man sängt in Polen übrigens schon an, den freundlichen Beschützer von den Usern der Seine etwas lästig zu empfinden, zumal die französische Mission in Polen dieses letztere die Kleinigkeit von 21 Millionen polnischen Mark monatlich kostet. Dabei hat man nicht einmal Ostgalizien halten können ... Andererseits sind auch die Ruthenen in O st galizienmit-England recht unzufrieden, weil sie sich nicht klar sind, wie England es mit ihnen meint. Will es eine selbständige Ukraina oder will es ein Großrußland nach dem Herzen der Koltschak, Denekin und Judenitsch, welches die „freie Ukraina" verschlingen soll? Es ist wahrscheinlich, daß Polen und Ukrainer auf Grund des gemeinsamen Mißvergnügens sich verständigen werden; sie werden gegenseitig auf den durch England auszuübenden „Schutz der Minoritäten" verzichten, welcher Schutz dann einzig und allein den Juden zugute käme, ihnen aber sehr teuer kommen würde. Die Juden kämen mit ihrem Glauben an England und ihrem Vertrauen in sein Wohlwollen in einen gefährlichen Gegensatz zu beiden das Land bewohnenden slawischen Völkern, würden erst recht als „Ausländer" angesehen werden, die nach ausländischem Schutz ausschauen; aber dieser Schutz würde, wenn er am nötigsten ist, gänzlich versagen, wie das Beispiel der Juden Rumäniens zur Genüge beweist.