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Im deutschen Reich · 1919-10-01 · Heft 10 (Oktober 1919) · p. 434

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
25 (1919)
Issue
Heft 10 (Oktober 1919)
Article
[Ohne Titel] / B. S.
Date
1919-10-01
Page
434 (sequence 3)
Language
German
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454 Iw deutschen Reich Eide schwören, und nur darauf bedacht seien, wie sie ihnen am bequemsten das Fell über die Ohren ziehen könnten. Wie sollen die derart systematisch verhetzten Massen auf das alles anders reagieren, als mit „unbesonnenen Ausschreitungen", d. h. mit Pogromen, zuerst in kleinerem Maßstabe, die jedoch, wenn nicht im Keime er- ''tieft, gefährliche Dimensionen annehmen müssen? Es ist sehr wohleil, das nachträglich zu bedauern. Auch die Pogrome in Rußland! eit 1881/82 waren mit einer ausgehreiteten Bolkspropaganda eiageleitet worden, die die zaristische Regierung duldete :md insgeheim sogar förderte. Nachdem erklärten die Hetzer, sie bedauerten von ganzem Herzen, daß es soweit gekommen sei, sie hätten es im Grunde gar nicht so schlimm gemeint. "In ruhigen Zeiten bestand in Deutschland tatsächlich keine Pogromgefahr. Anders in einer aufgeregten Epoche, da ein Funke genügt, um einen Brand zu stiften. Wenn die „Deutsche Tageszeitung" behauptet, die tatsächlich stattgefundenen Ausschreitungen „geben der Behörde nicht das geringste Recht, die antisemitische Bewegung anders zu behandeln, als die Agitation beliebiger politischer "Parteien", so übersieht sie, daß die antisemitische Agitation sich von der aller anderen Parteien in Methode und Ziel gründlich unterscheidet. Keine politische Partei bedient sich der Ohrlosmächung, der MassenBerleumdung; keine ist bestrebt, die Anhänger der gegnerischen Richtung bürgerlich rechtlos zu machen, sie zum Lande hinauszudrängen oder den wirtschaftlichen Boykott über sie zu verhängen. Jede politische Partei bekämpft die ReberzeAgung, die Richtung, die Anschauungen ihrer Widersacher, aber keine" stellt die Exiftenzs das bloße Vorhandensein der Gegner als eine Gefahr für das Vaterland, als eine Quelle seines Unglücks hin. Jede politische Partei kämpft gegen die Gesinnungen und Grundsätze der Gegner, sie will letztere zu sich hinüberzichen. Der Antisemitismus hetzt gegen die Juden als Menschen und predigt, daß sie überhaupt unfähig seien, „lobenswerte" Gesinnungen zu hegen,' denn sie seien von dem furchtbaren „Judengsist" durchdrungen, der nur mit ihnen zugleich verschwinden wird. 'Was für Schlüsse soll nun der einfältige Leser aus dem Volke aus diesen Lehren ziehen, wenn nicht die, daß die Juden auf irgendeine Weise vernichtet, das heißt ausgerottet, vertrieben oder mindestens bürgerlich rechtlos gemacht werden müsse--? Darum führt die antisemitische Hetze konsequent zum Judenpogrom, während keine andere politische Agitation massenhafte und" dauernde Gewalttätigkeiten nach sich z« ziehen braucht. Das ist der Grund, weshalb die verantwortlichen Instanzen verpflichtet sind, nicht im Interesse der Juden, sondern im Interesse der öffentlichen Ordnung, der antisemitischen Agitation eine besonders Aufmerksamkeit zu widmen. Daß das Auswärtige Amt endlich angefangen hat, die Judenfrage vom Gesichtspunkt der auswärtigen Politik zu betrachten, ist, im Hinblick auf die deutschen Interessen, sehr rühmenswert. Leider geschieht das viel zu spät. Es ist merkwürdig, daß Gras Reventlov, der über die auswärtige Politik dicke Bücher geschrieben hat, nicht merkt, wie schwer der Antisemitismus das Ansehen Deutschlands im Auslands geschädigt hat. In den Händen der

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