Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1919)
- Article
- [Ohne Titel] / B. S.
- Date
- 1919-10-01
- Page
- 432 (sequence 1)
- Language
- German
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432 Im deutsche Reich -4- Me UMchMmge in Wie§^ Seit Nusbruch des WeLLkrieaes waren die Juden aus Galizien und der Bukowina gezwungen, massenhaft nach Westöstetreich, besonders nach Wien zu flüchten^ denn die Russen führten in diesen beiden Länder?: einen Sonderkrieg gegen die' Juden und' kannten keine Schonung. Flüchtlinge" werden für die- Dauer nirgends gern gesehen. Dieselben Juden also, welche in FriebenszeiLen ^den äBtcttem sehr willkommen waren, wenn sie aus den Ost- Provinzen Lebensrnittel und Rohstoffe auf den Markt brachten und in Wien Waren cinkauften, — Galizien und die Bukowina waren ja die Rohstoffländer mih Absatzgebiete für Westosterreich — wurden als Flüchtlinge in Wien nur Zu bald lästig empfunden und hatten manches Herbe und Unangenehme zu erdulden. Aber sie ausstoßen und abfchieben, wie Verbrecher 'oder lästige Ausländer, kannte man doch nicht. Das änderte sich auf einmal, als die amerikanischen Tanks von Westen über die. deutschen Heere siegten, und Herr Wilson her Welt seine berühmten vierzehn Punkte als ErLösungsprograrmn verkünden durfte. Im Namen, dieser vierzehn ErlösungspunkLe wurde die österreichisch-ungarische Monarchie zertrümmert ^rmd die Folgen davon für die galizischen Juden waren Zweierlei: alsogleich brachen die furchtbaren Pogrome in Galizien aus, die abermals Tausende von Flüchtlingen nach Wien trieben, Zugkdich aber wurden die galizischen Juden in den anderen Provinzen der Monarchie Zu Ausländern. Fortab konnte jeder Lemberg er Jude aus Wien, Kraz, Srünit, Prag auf Grund des Fremdenrechtes als lästige?: Ausländer ausgewiesen werbe?:. Die besonderen Schützlinge der Entente, die Tschechoslowaken, machten denn auch von diesem Ausweisungsrechte bald darauf Gebrauch und entfernten aus ihrem Gebiete mit ziemlich unsanfter Gewalt alle Juden Galiziens und der Bukowina. Die Einwendung, daß die Heimatländer tiefer Flüchtlinge Kriegs- oder ugebiet feien und man dorthin vorläufig mchr Zurückkehren könne, beantwortete. die Tschechische Presse und das Publikum mit dem Ruf: „Sann mögen die Juden nach Palästina gehen, wo für sie ja ein eigner Staat gegründet wirb." (Dieser Ruf erschallt übrigens jetzt von der Mündung der Donau bis zur Mündung der Weichsel; Polen, Ruthenen," Rumänen lahm im Verein die jüdische Bevölkerung ihrer Länder ein, schleunigst nach d m Judenstaat in Palästina" zu gehen.) Die aus dem tschechischen Gebiet vertriebenen Juden mußten natürlich wiederum "in W en Zuflucht suchen. Man mag nun den Bewohnern Wiens, das solange -der Tummelplatz des Antisemitismus war, nachsagen was man will; eins wird man nicht verkennen dürfen, daß nämlich hier Pogromstimmungen und stürmische Forderung nach gewaltsamer Entfernung der Flüchtlinge sich erst geltend machten, als unter dem Schutze der Entente die Lebensmittel- und Kohlermot auss äußerste stieg, und nachdem die Tschechen mit dem Beispiel vorausgegangen waren. Als ein Pogrom in Wien am jüdischen Neujahrsfeste drohte, breitete der Vertreter der Entente, ein amerikanischer