Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Article
- Schutzjude oder Staatsbürger?
- Date
- 1919-07-01
- Page
- 324 (sequence 1)
- Language
- German
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324 Fm deutschen Reich GchAHjMds Ods? StaatsbLrßer? Am Neujcchrstag 1893 erschien unter dem Titel „Schutzjude Oder Staatsbürger?" eine kleine Schrift, deren Verfasser anonym blieb und sich lediglich als ^jüdischer Staatsbürger" Unterzeichnete. Die Schriftz die die Vorläuferin des Centralvereins wurde, erregte großes Aufsehen; ihr Verfasser, Dr. Raphael Loewen feld, trat spater mit feinem Namen hervor. Ein kurzer Rückbliä auf bk Zeitepoche und Entstehungsursache des Schriftchens dürfte gerade jetzt von Interesse fein. Wie gegenwärtig, nach unserer Niederlage im Weltkrieg, der Antisemitismus in Deutschland immer größere SchlaurmfluLen heranwLlzt, so roar das gleiche nach dem Siege von 1871 der Fall. Ob Sieg oder Niederlage, der Antisemitismus sucht imM-er Geschäfte zu machen. Würde Deutschland aus dem entsetzlichen Weltkriege, wie wir alle hofften, als Sieger h-ervorgegangen fein, der Antisemitismus, das stolz geblähte Alldeutschtun^ die hypertrophisch genährte Nation-alitätsüberheblichkeit würde sich ebenfalls gegen die Juden gewendet haben. WeLterzeichsn waren schon wahrend des Krieges zahlreich am Horizont zu erkennen. Lo-ewenfeld schreibt in seiner Broschüre: „Der Antisemitismus ist aus dem gesteigerten Nationalgesüh! hervorgeganaen. das die siegreichen Kriege der 66er und 70er Jahre nicht zum Heile unseres Vaterlandes gezeitigt hatten." Allmählich wuchs neben dem Gesühlsantisemitismus der Geschäftsantisemitismus heran, und nachdem durch lüjähriges Schimpfen ein Zustand der Verhetzung eingetreten war, der kann: noch'eine Steigerung zuzulassen schien^ ^nachdem, wie LoewerrfeLd schreibt, „am diesem 5kampf mir schmutzigen Waffe:: sich alle Ernste?: und Ehrenhaften zurückgezogerr, ertönte aus den Gerichtsverhandlungen in Moabit der mahnende Ruf nach einer ernsten Prüfung". Was aber: taten damals die Berliner Vertreter der Juden? Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin beschloß, an den Kaiser eine Abordnung zu schicken und ihn um Dchutz und Schirm gegen den Antisemitismus anzuflehen. Ende 1892 war diese Bittschrift bei dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde angeregt worden.. Am 21. Dezember beschloß der Vorstand in längerer Sitzung die Wsendung und stellte der: Wortlaut fest. In dieser Bittschrift wurde in der Einleitung erwähnt, daß „unsere Vorfahren Schutz bei den edlen Fürsten des Hauses HohenZollern gefunden haben". In längeren, unterwürfigen, auch der: Großen Kirrfürsten erwähnenden Ausführungen wandte sich der Vorstand „gegen Verunglimpfung und gegen Verleumdung sowie gegen die. von mancher Seite angestreote Beeinträchtigung der den Juden gewährleisteten Rechte" cm den König als „den Hort des Rechtes und die Zuflucht der'Bedrängten, von der Zuversicht durchdrungen, daß Euere Majestät eine Verkümmerung unserer Rechte nicht dulden werden". Der Vorstand legte diese Bittschrift vor Absendung den Repräsentanten zur Kenntnisnahme vor. Justrzrat Mako wer, bereitere, der bekannte Handelsrechtslehrer, der damals feit mehr als 25 Jahren Vorsitzender der Repräsentautenversammluna war, berief — dem Wunsch des Vorstandes entsprechend — die Sitzung auf den nächsten Sonntag (25. Dezember) ein, nahm selbst