Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1919)
- Article
- [Ohne Titel] / B. S.
- Date
- 1919-06-01
- Page
- 267 (sequence 4)
- Language
- German
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Jüdische Rundschau 26? aber viel „nationale Begeisterung" und noch mehr Radikalismus. Die nationale Begeisterung äußert sich darin, daß sie überall jüdische Arbeiter verwendet sehen möchten, was aber unter den gegebenen Umständen eine Unmöglichkeit ist, und überdies wie ein aggressiver Kampf zur Verdrängung der Araber aussieht, wovor Achad Haam schon vor Jahren sehr dringend gewarnt hat. Aus nationaler Begeisterung möchten sie auch überall hebräische Firmenschilder sehen; aber ebenso wie die landwirtschaftliche Arbeit, so müssen sie das Hebräische meist erst erlernen, vielfach müssen sie es für den Alltagsgebrauch"erst schaffen. Ihr Radikalismus, der das Gepräge der extremen russischen Schule trägt, äußert sich, neben dem Streben nach Nationalisierung des Bodens, in der gründlichen Mißachtung der Religion und ihrer Vorschriften. Das ist es, was die ältere Kolonistengeneration am meisten aufbringt. Sie können nicht verstehen, daß man öffentlich, ohne äußeren wirtschaftlichen Zwang, lediglich aus Mutwillen den Sabbat entweihen darf, und dabei ein „begeisterter Nationaljude" sein kann, wenn man nur Hebräisch radebrecht. Die Spannung zwischen beiden Lagern ist groß. Herr Disenhoff hat, wie das genannte zionistische Bureau berichtet, die Z i o n i st e n scharf angegriffen. Liest man seine Flugschrift, so wird man jedoch zugestehen müssen, daß sie im Ton äußerst maßvoll und versöhnlich ist: „Die Grundlage, aus der,,sich das neue Palästina aufbauen muß, ist Freiheit, nämlich Freiheit des Gewissens und Freiheit dev-- öffentlichen Meinung. Es ist unerhört, wenn unsere jungen Leute den Boykott erklären gegen alle Kaufleute, die keine hebräischen Schilder aushängen oder gegen jene Unternehmer, die keine jüdischen Arbeiter beschäftigen. Das sind mittelalterliche Maßnahmen. Was würde man dazu sagen, wenn die orthodoxen Juden über diejenigen Brüder den Boykott verhängen würden, die den Sabbat entweihen? Gerade in Palästina ist dieses System am gefährlichsten. Die Agitationsmethoden unserer linken Elemente halten das Kapital von Palästina fern und untergraben die Privatinitiative." Während überall in der Welt der Nationalismus alle sozialen und religiösen Parteikämpfe im Innern zurückdrängt und mildert, hat der zionistische Nationalismus Klassenkämpse in das Häuflein der jüdischen Einwohner Palästinas getragen; Klassenkämpfe, von denen die Juden im „Golus" verschont geblieben sind, und die religiösen Kämpfe, die doch auf dem Urboden der jüdischen Religion schweigen sollten, zu großer Erbitterung entfacht. Wie das jüdische Palästina, dem doch nach außen hin schwere Kämpfe bevorstehen, aufgebaut werden soll, während unter den Juden selber heftige Kämpfe toben, ist schwer zu. erraten. ' B. S.