Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1919)
- Article
- Eine neue Zeit
- Date
- 1919-05-01
- Page
- 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Im deutschen Reich den jüdischen Ehrgeiz, der Vor keinem Mitte! Zurückschreckt, ins entsprechende Licht zu setzen und auch anderen Leuten, die gar nicht daran interessiert find, von dieser famosen Wissenschaft mitzuteilen. Ich stelle nur die Tatsache als eine Erscheinung der neuen Zeit fest. Die alldeutsche Gefahr ist über Nacht Befei'tigt worden ohne unser Zutun. Auch der ausschlaggebende politische Einfluß der Konservat von mit ihren Anhängseln in Preußen und ihr nicht gerade judenfreundlichcs Verhalten braucht uns wenig Kopfschmerzen mehr zu machen. Aber der Anlisemitismus ist deswegen nicht aus der Welt geschasst, sondern zu den alten, sozusagen berufsmäßigen Antisemiten sind neue hinzugekommen.' Nicht wenige, die judenfeindlichen Bestrebungen völlig fern gestanden, sie vielleicht sogar mißbilligt haben, werden zu bewußten oder unbewußten Antisemiten, wenn sie sehen, wie sich gerade bei den ganz radikalen Richtungen Leute mit jüdischem Namen breitmachen und eine führende Rolle spieleic. Auch diese Tatsache stelle ich fest und habe wohl für die Leser dieser Zeitschrift nichts hinzuzufügen. Was aber, so frage ich, lut der Centralverein dieser neuen Sachlage gegenüber? Wie verhält er sich in der neuen Zeit, tue jetzt heraufgeführt wurde? Welche Losung gibt er aus? Welche Richtlinien schreibt er seinen Mitgliedern vor? Sollte es ihm vielleicht ergehen wie großen politischen Parteien, die sich mi*t ihrem alten Programm nicht mehr zurechtfinden konnten in der neuen Zeit und sich deshalb auflösten, um mir anderen Zielen, anderen Aufgaben, anderen Wegen an dem Aufbau der neuen Zeit mi'tzu wirken? Ich glaube das für den C. V. verneinen zu können. Aber neue Ziele, neue Aufgaben, ne u e Wege, das mujß die Losung sein, mit der der C. V. in die neue Zeit hineingeht und hineingehen muß, wenn er nicht völlig den Einfluß auf die Entwicklung und Gestaltung der werdenden Dinge, soweit sie uns Juden betreffen, verlieren will. Ein neuer Geist, ein frischer, belebender Hauch muß in den C. V. hineinkommen, damit er die Hoffnungen erfüllen kann, die alle deutschgesinnten Juden au? ihn setzen. Daß eine gewisse Unzufriedenheit bei vielen dem C. V. Angehörenden oder ihm nahe Stehenden Platz gegriffen hat, d-äß. manches in dem bisher üblichen System einer Blenderung bedarf, kann und muß einmal offen ausgesprochen werden, ohne daß dadurch den Interessen des Vereins irgendwie Abbruch geschieht; im Gegenteil verspreche ich mir vM einer offenen Erörterung dieser Fragen, die nun lange genug zurückgehalten wurde, heilsame Folgen. Während der ganzen langen Kriegszeit hat der C. V. „im stillen" gearbeitet, wie man uns immer versicherte, und wenn wir auch schon lange eine etwas lautere Tätigkeit (hauptsächlich innerhalb des deutschen Judentums) gewünscht hätten, eine Tätigkeit, von der man etwas mehr gesehen und gehört und vielleicht auch verspürt hätte, so hat man sich doch immer wieder mit der von Berlin ausgegcbenen Parole zufrieden gegeben wegen des sog. Burgfriedens, wegen “bet Zensur, wegen der allgemeinen vaterländischen Interessen, die auf dem Sp'ele standen, mit einem Worte wegen all der moralischen oder auch unmoralischen Dinge, die der Krieg mit sich gebracht. Die öeute, denen diese „stille Tätigkeit" des Vereins nicht so recht behagen wollte, und die — mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt — müde Schläfrigkeit in der Durchführung von wichtiaen Aufgaben. Rückschritt, Altersschwäche, aber keine Spur von innerem Aufschwung feststellen zu können glaubten, diese Leute, sage ich, wurden stets damit'vertröstet, daß man ihnen zuslüsterte (jedes laute Wort war ja nicht zulässig!): Wartet nur das Kriegsende ab! Wir können jetzt nicht, wie wir wollen! Wir müssen uns jetzt darauf beschränken, Material zu sammeln, wir bereiten vor und schaffen das Rüstzeug, wir arbeiten an großen Problemen. Und das muß man zu geben: an Anregungen. Vorschlägen, Problemen, guten Absichten hat es nicht gefehlt: die Zeitschrift des C. V. sollte ausgebam