Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1919)
- Article
- Nochmals Klatzkins "Probleme des modernen Judentums"
- Date
- 1919-05-01
- Page
- 222 (sequence 7)
- Language
- German
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222 Im deutschen Reich entgegengesetzLen Standpunkt aus, mit den gleichen Waffen gegen die gleichen Gegner wandte, nämlich gegen den Teil der Nationaljuden, die er „geistige Nationalisten" nennt. Wer noch viel stärker unterstützt er unseren Standpunkt indirekt. Drei Punkte möchte ich hier herausgreifen, ohne sie natürlich auch nur halbwegs erschöpfend zu behandeln. L. Er weist aus der Entstehungsgeschichte des Judentums nach, daß das Wesen des nationalen Judentums in den religiösen Gesetzen und Formen, nicht in seinem Ideengehalt, dem Geist des Judentums, begründet liegt; er zeigt, daß es in den Leiden der Diaspora nur hat existieren können durch die Kraft der Lehre und der Religions- Verfassung. Wir empfinden unser Judentum nicht national, für uns ist nicht ausschließlich maßgebend die Frage, wie das Judentum einst entstanden, auch nicht, wie es sich in den verschiedenen Zeiten erhalten hat. sondern wie es heute auf Ms wirkt und wie es sich stets in der Welt ausgewirkt hat. Und wir empfinden seinen Hauptwert nicht in seinen Gesetzen und Formen, sondern in seinen ewigen Ideen, im Monotheismus, Messianismus, Optimismus. Nächstenliebe — durch den Prvphetismus hat es sich auf uns. hat es sich aus die Welt ausgewirtt. Aber dieser Ideengehalt, der für uns das wahre Wesen des Judentums bedeutet, ist international und verträgt keine nationale Bindung. Das sagt uns Klatzkin selbst: „Doch angenommen, wir wollten den Geist des Judentums als ein Kriterium für das Jude-Sein gelten lassen, so müßten wir uns gegen den Nationalismus entscheiden Die tiefste Eigenart dieses Äeiftes bedingt es, daß er nicht den Inhalt unseres nationalen Kriteriums bilden kann" — weil er nämlich allgemein-menschlichen, übernationalen Wesens ist. 2. Klatzkin beweist, daß der Mische Nationalismus im GaluLb auch dem Einfluß der Assimilation unterliegt, daß seine Literatur und Kunst, sofern sie besteht, den wahren Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit verloren hat. und daß er sich, oft ohne es selbst zu wissen, vom Geistesleben der Wrrtsvolrer nährt. Und behauptet nicht ein wenn auch immer kleiner werdender Teil der Zionisten, daß sie - nie ein wahres geistiges Verhältnis zur deutschen Geisteswelt haben können, daß sie sich nie in.deutscher Literatur heimisch fühlen konnten? 8. Klatzüu nennt das Judentum in der Diaspora bestenfalls eine nationale Finesse. Jawohl, .national ist es nicht mehr als eine Finesse, vielleicht nicht einmal eine. Damit ist nicht gesagt, was das Judentum an religiösen, ethischen und gefühlsmäßigen Werten für uns 'bedeutet und stets bedeuten wird. Er stellt das nationale Judentum in der Diaspora für die Dauer als todgeweiht hin» Das mag für das nationale Judentum zutreffen, das übernationale Judentum ist Träger einer ewigen Idee und somit selbst'ewig. Doch bei bkfeit direkten und indirekten UÄeremsümmnngen bleibt natürlich der Hauptkonflikt, und Zwar in verschärfter Form: Klatzkin selbst erkennt das subjektive Kriterium des Judentums an, das w nicht ln nationaler oder sonstiger objektiver Gebundenheit, sondern im Bekennen, im freien Willen zum Judentum und seiner Religion und seinem Ideengehalte liegt. Aber -der Jude, der aus diesem seinem' freien Bekenntnis die nationale Gebundenheit iw Judentum ablehnt, ist für ihn der Asstmilant, der Verderber seines Volkes und seines Wirtsvolkes, dessen wahre Eigenarten er nicht verstehen kann, ein Vertreter einer ethisch und ästhetisch minderwertigen Richtung. Hier trennen Weltanschauungen. Für uns gibt es keinen höh ererk Erkenntnis- und SitLlichkeitsleitsatz, als das ^Erkenne dich selbst!" Und was uns nach reiflicher Prüfung und