Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Das Synagogen-Sofa von Kuttenplan
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 397 (sequence 2)
- Language
- German
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Das StznogogemSosa von Kutteuplcm Z97 diesen Tagen, in denen leben wollen fajt ein todeswürdiges Verbrechen ist. Lebenskraft, Verjüngung schlürfen wir aus den Marienbader Heilguellen, Z u kauft also spendet uns jeder Becher. In diesem Sommer aber zum ersten Male sollte ich gewahr werden, daß uns hier auch die Vergangenheit zur Arznei werden kann, zu einem Heilrrank für die Seele, wie die Kreuz-, Rudolfs- und Ferdinandsbrunnen es für den Körper sind. Suchten die Alten im Lethetrank den Trost des Vergessens, so haben wir diesmal einen schönen Trost gefunden im E r i n n e r n. In Marienbad also war's, oder richtiger in einem kleinen Oertchen, kaum zehn Minuten Eisenbahnfahrt auf der Strecke nach Pilsen, knappe zwei Stunden herrlichen Waldfpaziergangs hinter Marienbad. Hier, in der äußersten Nordwestecke Böhmens, zu der schon die Kuppen des bayrischen Fichtelgebirges herübergrüßen, lagert das kleine Städtchen Plan und, als eine Art von Ableger dieser Stadt, das Oertchen K u t t e n p l a n. Geographie-geschichtlich und sprachlich ein merkwürdiges Fleckchen, ein merkwürdiger Name! Wohl der einzige Ort in Europa, der einen h e ö r ä i s ch e u Namen trägt. Denn die Bezeichnung „Kutten" hat nicht etwa mit der Mönchskutte etwas zu tim, sondern ist — in der polnischen Aussprache der damaligen böhmischen Juden — das hebräische Wort „Kuten"- klein, der Name bedeutet also: Klein-Plan. Ueber die Entstehung des Ortes aber erhielt sich die folgende Ueberlieserung: In der Stadt Plan, die auch ein der heiligen Anna geweihter Wallfahrtsort ist, erhob sich vor langen Zeiten einmal eine der damals so häufigen Judenverfolgungen, die zu einer I u d e n Vertreibung ausartete. Die Juden lagerten etwa eine halbe Stunde vor Plan auf freiem Felde und entsandten eine Eilbotschaft nach Wien an den Kaiser mit der Klage über ihre Verfolger. Der Kaiser entschied wörtlich: „Die Juden s o l l e n ö l e i b e n , wosiesin d." Gemeint war, daß sie in Plan zu verbleiben haben. Da sie aber nicht mehr im Bereiche der Stadt waren, hielten sie sich streng an den Buchstaben des kaiserlichen Bescheides, blieben auf dem Feldfleck, auf dem sie gerade waren, und gründeten das Oertchen Klein- Plan, „Kuten Plan", das jetzige K u t t e n p l a n. Aus blindem Haß geboren, entwickelte sich der kleine Ort zu einem Sitz der Menschenliebe. Bon der Unduldsamkeit gezeugt, wurde Kuttenplan zu einer Heimstätte rührender Verträglichkeit und inniger Verbrüderung der Glaubensgemeinschaften. Das alles erzählt uns — ein merkwürdiges und sonst kaum noch vorkommendes Einrichtungsstück in einem Tempel — das Syna - gogen-Sosa von Kuttenplan. Seit dem seligen oder auch unseligen Erebillon und seinem Ranau „le sopha", das er, lueus a non lucendo, eine „moralische Erzählung", „eonte moral", nannte, stehen die Sofa-Erzählungen in keinem guten Rufe. Hier aber lauschen wir gerührt und erhoben alledem, was uns dieses uralte und ehrwürdige Damast-Sofa von der innigen Verbrüderung der Konfessionen erzählt. In der eigenwilligen Unregelmäßigkeit der wenigen, von Gärten unterbrochenen Straßeuzüge, in der häufigen Abwechslung von