Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 9 (September 1918)
- Article
- Die Interpellation Hänel
- Date
- 1918-09-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
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352 Im brillieren Reich eine Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bürger von der Regierung in keiner Weise beabsichtigt sei. Damitz aber war die Angelegenheit reicht, wie man glaubte und Vielfach hoffte, erledigt. Die Besprechung der Interpellation wurde sowohl von der Rechten wie der Linken beantragt, und es entstand eine endlose, sich zwei Tage lang hinziehende Debatte. Scharf verurteilt wurde die antisemitische Agitation von dem Redner der N a t i o n a l l i be - ralen, Seyfarth, einem protestantischen Geistlichen aus der Rhein» Provinz, und, wenn auch nicht ganz so energisch im Ton, pan dem jüngst verstorbenen Abgeordneten H o ö r e ch t, denen sich im großen und ganzen auch die Vertreter des Zentrums, die Herren Reichensperger und Windthorst, dessen milder, versöhnlicher Ton besonders auffiel, anschlossen. Als der Konservative, Herr von Heydebrand, seinen Fraktionsgenossen Stöcker in Schutz zu nehmen suchte, wenn auch er jede Beschränkung staatsbürgerlicher Rechte zurückwies, antworteten ihm in wirkungsvoller Weise Albert Träger und Rudolf V i r ch o w : die Rede des berühmten Gelehrten wurde allgemein als der Höhepunkt der Debatte betrachtet. Mit der Rede Virchows war die Debatte des ersten Tages erledigt, aber die wiederholt gestellten Schlußanträge wurden zurückgewiesen, die Redelust war noch lange nicht erschöpft. Am anderen Tage sprachen von konservativer Seite noch Herr von Minnigerode, Kröchen, Stroßer und der vielangegriffene Hofprediger Stöcker "selbst, die dann allerdings bk antisemitische Bewegung zu verteidigen und zu erklären suchten. Aber die in der Petition verlangte Beschränkung der Bürgerrechts wagte doch von diesen Rednern keiner direkt zu fordern, im Getzenteih, auch sie, mit Ausnahme Stöckers, suchten sich dagegen zu verwahren. Vom Zentrum erhob Abgeordneter Bachem gegen die jüdischen Greife vor allem den Vorwurf daß sie sich wahrend des Kulturkampfes vielfach allzu stark als Gegner der Katholiken betätigt hatten. Auch das Verhalten einiger großen Berliner Zeitungen wurde von mehreren Seiten einer stark mißbilligenden Kritik unterworfen. Von liberaler Seite antworteten Alexander Meyer und Rickert, dann noch Ludwig Löwe als eines der wenigen jüdischen Mitglieder des Hauses in sehr wirkungsvoller Weise. Mit gewohnter Schärfe ging Eugen Richter namentlich gegen Hofprediger Stöcker selbst vor, und den Schluß bildete der unermüdliche Virchow. Von besonderem, man kann wohl sagen geschichtlichem Interesse war jener Augenblick in der Rede Stöckers, in dem er erklärte, daß er die ^Petition n i ch t unterschrieben habe. Auf die stürmischen Unterbrechungen der Linken, die ihm eine Nummer des „Reichsöoten" mit seiner Unterschrift vor Augen hielten, mußte er dann zugeben, daß er. „zu den Beratungen der Petition hinzugezogen und dieselbe nachher unterschrieben habe". Die anfängliche Ableugnung und das spätere erzwungene Zugeständnis Stöckers hat "bekanntlich noch "jahrelang in dem politischen' Kampfe eine große Rolle gespielt und wurde als Mangel an Wahr - h e i t s l i e b e ausgelegt, so daß sich Stöcker schließlich gezwungen sah, seine Gegner vor Gericht zu fordern. In dem Prozeß gegen den fort-, schrittlichen Redakteur Becker, in dem allerdings noch andere Entgleisungen Stöckers zur Sprache kamen, wurde dann, obgleich der Beklagte wegen formeller Beleidigung verurteilt wurde, der Glaubwürdigkeit Stöckers, vom Gericht ein nicht gerade schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt. Schließlich endete die Beratung der Interpellation Hänel vor gänzlich ermattetem Hause nach langer zweitägiger Debatte. Die Liberalem konnten mit dem Erfolg ihres Vorstoßes zufrieden sein. Die-Staatsregierung hatte jede Absicht, die Wünsche der Petenten zu erfüllen, klipp