Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1918)
- Article
- Juden in Landwirtschaft und Gärtnerei
- Date
- 1918-07-01
- Page
- 300 (sequence 3)
- Language
- German
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300 Im deutschen Nach Gewiß, wir haben das L e h r o n t Steinhorst. Es ist nicht zu verkennen, daß hier mit Ernst der Versuch gemacht wird, unsere Frage einer Lösung näher zu bringen. Ob auch mit Aussicht auf Erfolg? Sieht man selbst davon ab, daß die Zahl der Zöglinge, die nach vollendeter Aus- Bildung entlassen werden, nicht eben groß zu sein scheint, — was wird aus den Entlassenen? Der christliche Eleve findet im gleichen Falle unschwer eine Stelle als „zweiter Verwalter", oder er kehrt auf das elter- -liche Gut zurück, oder ein verwandter oder befreundeter Gutsherr nimmt ähn auf. Der junge Jude sieht sich, will er nicht auswandern, meist wieder vor dieselbe Schwierigkeit gestellt, wie beim Eintritt in den Beruf. Ein jüdischer B a n e r n st a n d in Deutschland? Die .Hoffnung, ihn M schaffen, ist noch geringer. Darüber bedarf es nicht vieler Worte. Zwar unser deutscher Bauer ist ebensowenig antisemitisch rote der deutsche Industriearbeiter. Aber der Bauer kommt als Dienst- oder Lehrherr schwerlich in Frage. Er braucht Knechte, und wenn auch keineswegs behauptet werden soll, daß Knechtsarbeit für den Juden zu gering sei, so kann der Bauer doch wenig oder nichts mit einem jungen Menschen ankangen, der einer seit Jahrhunderten der Landarbeit fast ganz entwöhnten Bevölke- Tungsschicht entstammt. Ganz zu schweigen von den Mißlichkeiten, die sich durch die Enge des Zusammenlebens auf dem Bauernhof für den Ergeben, der das jüdische Zeremoniell beachten will. Und noch ein weiteres: wer in der Landwirtschaft nach Selbständigkeit strebt, bedarf, wenn er nicht Erbe von Grund und Boden ist, erheblicher Mittel. Auch als Pächter. Landgüter Von etwa 300 Morgen .(75 Hektar), also mittleren Umfangs, sind in West- und Mitteldeutschland und wahrscheinlich auch in Süddeutschland (bie Verhältnisse dort und in den Ostseeprovinzen kenne ich nicht) nur für Bewerber zu erschwingen, die über' ein ansehnliches Vermögen verfügen. Das war schon in Friedenszeiren so, und der Krieg hat gewiß nicht mäßigend auf Pachtend Kaufpreisforderungen eingewirkt. Im Gegenteil. Vielleicht gibt es einen Ausweg, einen, wenn auch nicht vollwertigen, Ersatz. Statt der Landwirtschaft im engeren Sinne mögen sich die Juden verwandten Berufen Zuwenden, Berufen, von denen Gewöhnung sie durch eine weniger weite Kluft getrennt hat. Ich denke an Handelsgär l n e r e i e n, Gemüse- und O o st p l a rt t a cj e tt und dergleichen. In dieser Beziehung war eine Nachricht von Wert, die vor einiger Zeit durch die jüdischen Blätter ging und wohl nicht die Beachtung tung gefunden hat, deren ich sie für würdig halte. Am Niederrhein geht man darauf aus, jüdischen Viehhändlern, denen kriegswirtschastliche Maßnahmen fast-alle Verdienstmöglichkeit genommen haben, durch Viehzucht und Weidewirtschaft zu einer neuen Existenz zu verhelfen.*) Gelingt dieser Versuch einer beruflichen Umleitung größeren Stils, so könnte er vorbildlich wirken und würde der Zukunft der deutschen Juden erfreuliche Aussichten eröffnen. Herr Dr. Troitel - Laupheiin sendet uns folgende Zuschrift: Es ist unserem Central verein nur Dank zu wissen, daß er zu seinen mannigfaltigen Ausgaben nun auch Beratungsstellen für Berufswahl eingerichtet Hat. Das Bedürfnis solcher Einrichtungen wird von Tag zu Tag dringender, auf dem Lande, soweit ich es überblicken kann, noch mehr als" in der Stadt, zumal der Großstadt, infolge der Kriegsverhältnisse, die manches freie Gewerbe lahmgelegt haben. Ein Berufswechsel aber *) Val. die Mitteilungen von Rabbiner Dr. Jaulns in Nr. 6, Jahrgang 1917 dieser Zeitschrift.