Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1918)
- Article
- Fanny von Arnstein
- Date
- 1918-06-01
- Page
- 255 (sequence 3)
- Language
- German
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Fanny von Arnstein 255 Schönheit gelten, jedenfalls aber Zählte sie. die man oft mit Frau von.SLael verglichen Ijat, zu den geistvollsten und interessantesten Frauen Wiens. Ihr Salon war der erste jüdische Salon Wiens, der ein Sammelplatz der großen Welt, ein Muster angenehmster Gastlichkeit und ein Bereinigungspunkt alles dessen wurde, was Namen und Klang aufweisen konnte. Hier trafen sich Männer, welche die Träger der Geschichte Europas wurden, geistreiche und schöne Frauen, vornehme Fremde: Fürst Hardenberg, der Herzog von Wellington, der Fürst von Liane, Talleyrand, Kardinal Consalvi, die Prinzen von Mecklenburg und Hessen-Homburg, Wilhelm von Humboldt, Graf und Gräfin Bernstorff u. >v. a. Tie glanzvollen gesellschaftlichen Darbietungen des Hauses Arnstein gewannen in Wien Berühmtheit. Jeder Abend sah in jener Kongreßzeit die bunteste Gesellschaft. Dienstags war Musik und Tanz. Einem von Künstlern ersten Ranges ausgosührten Konzert schloß sich ein Ball an. Zuweilen wurden auch lebende Bilder gestellt, die sogar die des kaiserlichen Hofes an Pracht übertragen. An solchen Abenden zahlte das gastfreie Haus oft hundertfünfzig und mehr Gäste von höchstem Klang und ausgezeichneter Bedeutung. Diesen Kreis erlesener Persönlichkeiten'der Zeit wußte Frau von Arnstein in jenen politisch bewegten Tagen durch Anmut, Takt und Würde, Geist und Güte gleichermaßen zu fesseln. Ihre stark ausgeprägte preußische Gesinnung bekundete sie insbesondere durch die schrankenlose Gastfreundschaft, die sie vorzugsweise ihren Berliner Landsleuten, die zum Kongreß gekommen waren, erwies. Dem Freiherrn von Staegcmann, der als die rechte Hand Steins und Hardenbergs dem Vaterlande in seiner tiesstLN^.Erniedrigung .und Erhebung unschätzbare Dienste geleistet hat und während des Kongresses fast täglich im Arnsteinschen Hause verkehrte, danken wir wertvolle Beiträge zur Charakteristik der ausgezeichneten Frau. Am 12. Januar 1815 schreibt er an seine Gattin: „Gestern abend war ich bei Arnsteins, wo ich soupierte Frau von Arnstein war besonders gnädig gegen mich, weil ich eine sehr günstige Resolution für die j ü d i s ch e rt G e rn clnbenin H a m - bürg, Lübeck und Bremen ausgearbeitet habe. Es hat davon schon etwas in den Zeitungen gestanden." —- Wlaix erzählt, Talleyrand, der Frau von Arnstein außerordentliche Bewunderung zollte, habe in jenen Kongreßtagen über sie zum Herzog von Wellington geäußert: „ihr Kopf sei der eines Staatsmannes ihr Herz das einer großmütigen Dame". Nur wenige Jahre hat Frau von Arnstein nach der Glanzepoche ihres Hauses noch auf der Erde geweilt: am 8. Juni 1818 ist sie zum ewigen Frieden eingegangen. Die Saat, die sie ausgestreut, hat die schönsten Blüten und Früchte gezeitigt. Ein Jahrhundert ist seit dem Heimgange der hochsinnigen Frau verflossen; bis zur Stunde jedoch lebt die Erinnerung an sie in allen Kreisen Wiens, und ihre Glaubensschwestern sind insbesondere bestrebt, in den Bahnen des edlen Vorbildes zu wandeln, indem sie sich in unserer "waffenflirrenden Gegenwart als echt deutsche Frauen jüdischen Glaubens im Dienste der barmherzigen Nächstenliebe nach besten Kräften betätigen.