Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1918)
- Article
- Hermann Cohen als Jude
- Date
- 1918-06-01
- Page
- 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Im deutschen Reich Schranke, frei schwing ich mich durch alle Lüfte fort. Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke, und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort", konnte sich doch den Fesseln seines Systems nicht entwinden und stand in Borliebe und Abneigung im Banne seiner Hypothesen. Schwärmerisch verehrte er Maünonides, der das Judentum mit des großen Griechen Weisheit auszusöhnen suchte, und suhlte sich seinem Rationalismus verwandt, während er den Amsterdamer Einsamen als Denker und Charakter mit Entschiedenheit ablehnte. Und so auch den Mitlebenden gegenüber! Denen, die sich seine Jünger nannten oder den Eindruck machten, als bewege sich ihr Streben in der Richtung seiner Gedanken, wurde er ein leidenschaftlicher Förderer, auch wenn die Mittelmäßigkeit oder gar die Unzulänglichkeit seiner Schützlinge klar Zutage lag, und für Männer großen Stils, die eigene Bahnen gingen, hatte er oft nur teilnahmlose Ablehnung- Kurz einer, der sagen durste: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.-" Auch nicht von dem Weisen Cohen wollen wir reden, der sich Weltruf erwarb und den diese Zeitschrift aus berufener Feder gewürdigt hat. Wir wollen nicht seinen Werdegang nachzeichnen, von jenen Tagen, da er am Breslauer Seminar jüdisch- LheOlogischen Studien oblag, bis zu den Marburger Jahren, da er den Lehrstuhl Friedrich Albert Langes zierte und der Begründer einer bedeutenden Schule wurde, die Männer wie Cassirer und Natorp zu ihren Anhängern rechnet. Der Blick sei nur auf ihn als auf den führenden Kulturjuderr unserer Zeit gerichtet. Ihm darf mau Nachrufen, was der ersten Geistesgröße nach der Katastrophe des Jahres 70, Rabban Jochanan den Sakkai liebende Verehrung nachrühmte: „Er war eine Leuchte, eine Säule und ein Schwert!" % * Eine Leuchte war er! Von Kant ging er aus. Der hat im Gewissen eine weltüberlegene Wirklichkeit aufgezeigt. Im Sittlichen, im Pflichtgedanken sieh! Cohen das Herzblatt des Judentums, dessen Gott ihm der Bürge dafür ist, daß das Sittliche keine Einbildung, sondern eine Wirklichkeit ist. Von hier aus wird ihm allein das Leben sinn- und wertvoll, gewinnt die Menschheitsgeschichte Ziel und Zweck. Nicht das Mythische, das wie im Christentum das Göttliche verendlicht und vermenschlicht, sondern das Ethische, das das Menschliche versittlicht und zu ©oit* emporträgt, ist ihm die religiöse Wahrheit, zu deren Träger sich Israel als das Messiasvolk, als der duldende Gotlesknecht berufen suhlt. Das Gottesvolk will die eine Menschheit dem einen Gotte Mähren, aus daß alle werden zu einem Bunde. Im Versöhnungstage, um