Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 4 (April 1918)
- Article
- Josef Popper-Lynkeus
- Date
- 1918-04-01
- Page
- 165 (sequence 2)
- Language
- German
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Josef Povper-Lynkeus (Kampf Alexanders) Illä stischen Titel trägt: „Phantasien eines Realisten" (Verlag Karl Reißner-Dresden). Er gab sie unter dem Pseudonym Lynkeus heraus; doch der Türmer, über Niedrigkeiten stehend, zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, wurde wegen einiger gewagter Stellen in dem Buche durch den Schmutz einer gewissen Wiener Presse gezogen. Der reine, weltlichen Freuden abgewandte Gelehrte mußte sich gegen den Vorwurf der Unsitilicbkeit verteidigen, und tatsächlich wurden sieben Stücke des Buches konfisziert. Diese Phantasien entsprechen nicht dem Geschmack des Dutzendlesers. Wie sollte es auch bei einer solchen eigenwilligen, unschablonenhasten Persönlichkeit anders sein. Mit Erlaubnis des Verfassers und des Verlages bieten wir unseren Lesern eine kleine Probe aus diesem Buche" das leider viel zu wenig bekannt ist: Kamjrf Alexanders des Großen mit einem Löwen. Nach dem Einzuge Alexanders in Babylon zeigte man ihm unter anderen Merkwürdigkeiten dieser großen Stadt auch die wilden Tiere, die daselbst in Behältnissen inmitten eines Gartens aufbewahrt wurden. Nach der Besichtigung der Schlangen, Tiger und Elefanten führte, man den König zu dem Käfig eines Löwen, der durch Schönheit und Große ganz besonders ausgezeichnet war.- Als Alexander mit seinen Begleitern sich dem Löwen näherte, war dieser so gelagert. daß sein Kopf von der vorderen Seite des Käfigs etwas äbgewendet und fein Blick seitwärts nach einem bestimmten Punkte ins Freie hinaus gerichtet war, während er seinen Körper vollkommen regungslos hielt. Auch als der König und sein Gefolge immer näher' und endlich ganz nahe gekommen waren, regte sich der Löwe nicht; keiner seiner Muskeln zuckte/ sein hochaufgerichteter Kopf blieb abgewandt, und sein Blick behielt immer dieselbe Richtung bei. Das verdroß Alexander. Er brach das Gespräch mit seinen Begleitern ab und betrachtete das Tier mit immer strengerer Miene. Jene konnten sich des Königs mißmutiges Aussehen nicht erklären, und Bagophernes, Statthalter von Babylon/ der Vornehmste des Gefolges, ergriff schnell das Wort und sprach zu Alexander, während er sich gleichzeitig tief verneigte: „Wenn du nicht ein Gott warst, so konnte man deine Krait mit der dieses Löwen, vergleichen." Aber der König, der ran: mit halbem Ohre zugeh ort, erwiderte darauf nichts, behielt sein finsteres Aussehen und sah das Tier mit immer steigender Aufregung an. Ter Löwe aber rührte sich noch immer nicht. Es entstand nun eine vollkommene Stille: der Löwe blickte seitwärts ins Freie. Alexander betrachtete den Löwen, das Gefolge betrachtete Alexander. Währenddessen forschte dieser in seinem Innern nach Gründen, die ihm das Verhalten des Tieres erklären sollten, und er beruhigte sich endlich bei dem Gedanken, der Löwe sei wohl jetzt in der Verdauung begriffen, und da falle ihm jede Bewegung sehr schwer. Er wagte es aber nicht, den neben ihm stehenden Tierwärter darüber zn befragen. In diesem Augenblick summte eine Biene vorbei, flog in den Käfig und setzte sich dem Löwen auf den Rücken. Schnell wie der Blitz schlug der Löwe seinen Schweis nach ihr, zerdrückte sie und, ohne auch nur. mit den Augen zu zwinkern, warf er dann den Schweif mir solcher Gewalt rasch im Bogen hin und her, daß er wie ein schwerer eiserner Hammer auf den Boden seines Käfigs niederhämmerte.