Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 4 (April 1918)
- Article
- [Ohne Titel] / J. Sch.
- Date
- 1918-04-01
- Page
- 156 (sequence 2)
- Language
- German
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166 Im deutschen Reich Der Nacken schon, der Mücht'gL, der es trägt? Die Schuttern auch, die Arms, stahlumglanzr? Das ganze Brustgebild, o seht doch, Freunde, Bis wo den Leiö der goldne Gurt umschließt? . . . Die Häupter sieht man schon, geschmückt mir Blässen, Des Roßgespanns! Nur noch die Schenke! sind, Die Hufen, von der Höhe Rand bedeckt! Jetzt aus dem Horizonte steht das ganze Kriegsfahrzeug da! So geht die Sonne prachtvoll An einem heitern Frühlingstage auf. Wer erinnert sich jener Augusttage nicht heute nach mit Hochgefühl? lieber der allgemeinen Begeisterung flatterte damals das helle Wort des Kaisers: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Die Begeisterung ist verflogen, mußte verfliegen. Begeisterung ist, wie Goethe in seinem Gedicht „Frisches Ei, gutes Ei" sagt, keine Heringsware, die sich einpökeln läßt für einige Jahre. Der Krieg zog sich in die Länge, aus dem freudigen, unwiderstehlichen Ansturm wurde ein langwieriger Stellungskrieg. Die Schauder des Krieges, seine Entsetzlichkeiten, seine Nöte wurden immer fühlbarer. Und fühlbarer wurde auch im Innern ein Abbröckeln jener Glanzstimmung, ein Auseinanderbersten des Zusammengehörigkeitsgefühls, ein Verblassen des Spruchs „Einer für alle, alle für einen?" AllznMenschliches kam zum Vorschein, die dunklen, selbstsüchtigen Triebs wagten sich rvredsr hervor, Lebensmittel-, Rohstoff- und Fabrikatverteurer, erst verschämt, wurden immer mwttschämter. Die Moralbegriffe wandelten sich. M it Betrübnis und mit wachsender Sorge sah man einen Zerfall der preußischen und deutschen Tugenden, die gerade durch den Krieg gesteigert worden Waren. Es konnte nicht fehlen, daß in solchen Tagen auch jene dunklen Existenzen ihre Zeit wiederkommen sahen, die Gift gegen Andersgläubige und Andersrassige der Volksseele einzuträuseln gewohnt waren. Einschränkungen, Erbitterung über Ungerechtigkeit, Zorn über Wucher mit Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen, Schmerz über gefallene Augchörige—dieZeitwar günstig, wieder den Sündenbock „Jude" aus den offenen Markt zu zerren, obwohl Juden und Christen nebeneinander in den Schützengräben und im Bewegungskrieg kämpseu, verwundet werden und fallen. Schon der Umstand allein, daß Gemeinheit es wieder wagen durfte, ihre zerfressene Stirn dem Sonnenlicht zu bieten, würde davon zeugen, daß die Hochstimmung von 1914 in betrübender Weise ausgelöscht war. Als jedoch die Offensive im Westen mit den überraschenden Sturmerfolgen einsetzte, spürte man etwas Aehnliches wie damals: ein Aufrauschen und Erglänzen der Stimmung/ Fahnen wurden wieder aus Fenstern und Ballonen hinausgehängt. Damals leuchteten ne in heißer Sommersonne, diesmal blies der Marz-