Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Festversammlung
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
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124 Jur deutschen Reich Boykott. Flugblätter „Kaust nicht bei Juden!" wurden verbreitet; heute würde man sagen: „Verkauft nicht an Juden!" (Heiterkeit.) Der auf demokratischer Grundlage aufgebaute Centralverein erkannte jedoch, daß es nicht genüge, an Symptomen herumzukurieren, sondern daß er auch für die Erstarkung des Judentums und das Wissen um das Judentum bei Juden und Christen sorgen müsse. Die Lehren von Schwarmgeistern über Minderwertigkeit von Rassen usw. durften nicht unwiderlegt bleiben. Auch war ein Zusammenfassen der Judenheit notwendig, und so wurde der Verband der deutschen Juden, die Organisation der Organisationen, gegründet, dem nur noch ein ganz kleiner Teil fernsteht. Wir wollen nach dem Wort unseres Kaisers handeln: „Seid treu und stolz in der Eigenart!" Wahrhaft edle Menschen gedenken gern ihrer Väter. Uns ist das Judentum Religion, nicht Nation; wir find nicht jüdischnational, sondern deutsch. Wie unsere Eltern und Großeltern deutscher Staub geworden sind, so wollen auch wir es einst werden. Unsere berechtigte Eigenart tut unserer Vaterlandsliebe keinen Abbruch. In unseres Vaters Hause sind der Wohnungen viele. Der Gegensatz zu den Zionisten hindert uns nicht, in wichtigen Fragen gemeinsam mit ihnen zu arbeiten. So ist setzt eine gemeinsame Organisation zur Unterstützung der Ostjuden, die V. I. O. D., zustande gekommen. Der Centralverein ist ein Sammelbecken für alle Juden, unabhängig von jeder politischen und religiösen Parteirichtung. Unser Grundsatz ist, keinen Gewissenszwang zu dulden. Darum sind wir z. B. gegen Schächtverbote ausgetreten, als Antisemiten unter der Maske des Tierschutzes Menschenverhetzung trieben (Heiterkeit). Der Redner streifte dann die Herrenhausfrage, indem er in Gleichberechtigung mit den christlichen Re- . ligionsgemeinschaften für die jüdische Religionsgemeinschaft das Präsentationsrecht forderte und die Berufung durch den König nur solange, als kein jüdischer Präsentationskörper vorhanden sei. Er wandte sich dann der Deutschen Vaterlandspartei zu, wobei er betonte, daß die Hauptleitung der Vaterlandspartei im Gegensatz zu manchen Ortsgruppen sich bisher von antisemitischen Bestrebungen ferngehalten habe. Jeder Jude müsse für sich selbst darüber entscheiden, ob er seiner Ortsgruppe der Deutschen Vaterlandspartei beitreten könne. In diesem Zusammenhänge erwähnte der Redner auch die Aeußerung des Führers des Bundes der Landwirte, des Herrn von Wangen heim, aus der Jubiläumsversammlung des Bundes: er sein kein Antisemit im landläufigen Sinne; er kenne viele tüchtige und ehrenwerte Juden; aber es müsse doch jeden mit Bedenken erfüllen, überall dort Juden führend zu sehen, wo gegen die Grundlagen des Staates gearbeitet werde. Die Juden sollten diese Elemente abschütteln; sie würden damit ficf) und uns, den größten Dienst erweisen. Herr von Wangenheim sollte sich, so führte hierzu der Redner aus, nicht auf einseitige Beobachtungen verlassen. Die Wahrheit werde nicht allein durch sinnliche Wahrnehmung, sondern durch Nachdenken gefunden. Die Bemerkungen des Herrn von Wangenheim können vor der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht bestehen. Lujo Brentano habe erklärt, daß die Juden, wo auch immer sie in ihren Berufen geschützt und als gleichberechtigt anerkannt wurden, vermöge ihrer Bielstrebigkeit und ihrer Eitelkeit geborene — Konservative seien. Wir sind für jene ultraradikalen Elemente, die wir abschütteln sollen, nicht verantwortlich. Wir sind z. B. für die jüdischen Abgeordneten der Unabhängigen Sozialdemokratie genau so verantwortlich, wie Herr von Wängenheim für die Ledeöour und Dittmann. (Lebhafter Beifall.) Die Demokratisierung, die wir meinen, bedeutet nicht, daß der Demos herrsche, sondern daß das Volk mitrate und mittate, daß aber selbstverständlich die Besten herrschen, die Aristokraten, die nicht mit den Aristokraten der Geburt identisch seien.