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Im deutschen Reich · 1918-03-01 · Heft 3 (März 1918) · p. 123

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 3 (März 1918)
Article
Zur Erinnerung an Rabbiner Dr. Leo Munk
Date
1918-03-01
Page
123 (sequence 2)
Language
German
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Festversammlung 123 Wir wissen nicht, was die Zeit nach dem Kriegs uns bringen mag. Uebergangsjahre sind immer kritische Zeitläufte. Sie werden es diesmal ganz-besonders sein. Wenn wir wieder zur Wehr gezwungen sein sollten, dann mögen recht viele Männer zur Stelle sein, die, wie einst vr. Leo Munk, gewillt und geeignet sind, „für das Wohl ihrer Brüder" einzustehen. Festversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Kriegszeit und die Kriegsnöte haben dein Centralverein eine laute Feier seines 25 jährigen Bestehens verboten. Er hat in Berlin seine Anhänger und Freunde lediglich zu einer Festversamrnlung eingeladen, die am Abend des 2. März in der Philharmonie stattfand. Der große Saal war dicht gefüllt, selbst in den Seitengängen standen die Zuhörer. Auch eine Reihe von Ehrengästen wohnte der Jubiläumsfeier bei, u. a. Vertreter des Preußischen Kriegsministers, des Reichsjustizamtes, der Magistrate von Berlin, Charlottenburg, Schöneberg und Wilmersdorf, der Synagogen-Gemeinden Berlin und einer Reihe jüdischer Vereine. Die Feier wurde durch Orgelspiel eingeleitet. Nach einem von Frau Johanna Mayer beseelt vorgetragenen formschönen Prolog von F r i tz Engel hielt der Vorsitzende des Centralvereins, Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs, den Festvortrag über „Erreichtes und Erstrebtes". Wenn wir, so führte er aus, in diesen sturmbewegten, kriegerischen Zeiten das 25 jährige Jubiläum des Vereins feiern, so wollen wir damit ein Bekenntnis zu unserem Vaterland und unserer Glaubensgemeinschaft ablegen. Unserem Banner folgen jetzt 200 000 Juden. Seit der Verein zum letzten Male sein Wiegenfest gefeiert hat — es war vor 15 Jahren —, sind viele Kämpfer ins Grab gesunken, insbesondere unser Horwitz, der fast vom Beginn an das Vereinsschiff gelenkt hat. — Der Redner gab dann einen historischen Ueberblick über die Befreiung des Judentums aus mittelalterlichen Fesseln. Das Edikt von 1812, unsere Magna Charta, brachte die Proklamierung der jüdischen Menschenrechte; das Judengesetz von 1847 gewährte uns wohl die theoretische Gleichberechtigung, aber ersh das Reichs-Toleranzgesetz von 1869 beseitigte die letzten Schranken. Ende der 70 er Jahre setzte die antisemitische Bewegung ein, die erst mit Nadelstichen arbeitete, dann brutaler die Juden angriff, auch Ritualmordbeschuldigungen erhob, und immer rücksichtsloser die verfassungsmäßigen Rechte der Juden antastete und beseitigen wollte. Der Centralverein wurde gegründet. Seine Haupttätigkeit wandte sich zunächst dem Rechtsschutze zu. Er erreichte sehr bald, daß die bis dahin üblichen Verleumdungen gegen die einzelnen Juden aufhörten; doch an die Stelle des brutalen, lärmenden Antisemitismus trat der latente Antisemitismus. Den Juden wurde der Zutritt zu fast allen Staatsämtern verweigert entgegen dem Geiste der Verfassung, nach dem einzig die Befähigung maßgebend sein darf. Der Staat, so hieß es, sei christlich, die Juden seien Fremde. Wer aber rückhaltlos, man möchte sagen rückgratlos (Heiterkeit), zum Christentum übertrat, dem standen die Aemrer offen. Alles wurde den Juden in die Schuhe geschoben, Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Individualismus und die Kehrseiten der modernen wirtschaftlichen Entwicklung — alles dies wurde „jüdisch" genannt. Ueberhaupt: Was den Antisemiten unbequem ist, ist jüdisch. Man ächtete die Juden gesellschaftlich und schädigte sie wirtschaftlich durch

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