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Im deutschen Reich · 1918-03-01 · Heft 3 (März 1918) · p. 122

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 3 (März 1918)
Article
Zur Erinnerung an Rabbiner Dr. Leo Munk
Date
1918-03-01
Page
122 (sequence 1)
Language
German
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122 Im deutschen Reich Zur Erinnerung an Rabbiner Dr. Leo Mrrnk. Von S. Andorn -Krefeld. Im Februar war ein Jahr vergangen, seit Dr. Leo Munk dahinging, ein müder Streiter, von Krankheit bezwungen. Seiner ganzen Veranlagung nach war der Entschlafene ein höchst friedsamer Mann. In jungen Jahren an die Spitze des verzweigten Marburger Rabbinats gestellt, war er besonnen und ängstlich fast allen Streitmöglichkeiten aus dem Wege gegangen. Wenige Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit in Hessen hatte ihn eine sehr hochmögende Stelle für einen bedeutsameren Platz ausersehen. Dr. Munk lehnte diese „Berufung" ab, weil der moralische Erwerb des ihm durch die Staatsgewalt übertragenen Amtes nicht ohne Kämpfe oder Kampfmaßnahmen zu erreichen schien. Und doch kam auch für ihn die Zeit der Kämpfe. Sie begann in jenen Tagen, als der jetzt verschollene Otto Böckel seine von allen Künsten der Volksverhetzung getragene Wühlarbeit begann. Ich kann hier auf örtliche Gründe und die Volksstimmung im Reiche, die sein Treiben anschwellen ließ, nicht eingehen. Ganze Rudel Böckelscher Gesinnungsgenoffen „bearbeiteten" den Marburger und benachbarte Wahlkreise —- Eintagsmenschen, die fast ebenso schnell in ihr Nichts zurücksanken, wie sie aus ihm geschlüpft waren, die aber doch genug Haß und Verärgerung anstifteten. Die Juden schienen diesen „Pogromlern" völlig preisgegeben, wenn nicht hier und da einer zur Selbsthilfe schritt. Sie wurden aus dem Hinterhalt beschimpft, in Blättern und Versammlungen verächtlich gemacht, von allen Seiten kränkend behandelt, der Möglichkeit zur Erhaltung ihres wirtschaftlichen Bestandes beraubt. Dann begann auch ein Feldzug gegen den jüdischen Glauben und natürlich gegen den Talmud. Ein Lehrer, der sicherlich wenige Monate vorher nicht einmal das Wort „Talmud" gekannt hatte, belehrte nun, auf Rohling und dessen Nährväter gestützt, die Besucher der Böckelschen Versammlungen über „die Scheußlichkeiten des jüdischen Gesetzbuches". Die Behörden standen zusehend beiseite und griffen nur auf Drängen von jüdischer Seite — oft auch dann nur zögernd ein. In diesem Zustand der Dinge ist Dr. Leo Munk zum Kämpfer geworden. Er ist nicht in Volksversammlungen gegangen, er hat keine flammenden Gegenschriften verfaßt; aber er hat die Kräfte, die Federn und das Wort anderer in Bewegung gesetzt. Der „Fennerprozeß", in dem auch Geheimrat Hermann Cohen als Gutachter hervortrat, versetzte dem Treiben gegen die jüdische Religionsgemeinschaft den ersten wuchtigen Schlag. Der „Talmudkenner" Fenner, jener vorhin erwähnte Lehrer, verstummte. Ich kann wieder nicht alle Bemühungen Dr. Munks im einzelnen aufführen, die endlich dazu 'führen mußten, 'in Oberhessen für die Juden wieder erträglichere Zustände zu schaffen. Zweifellos hat Dr. Munk seinen Anteil an der Entstehung des Vereins zur Abwehr. Jedenfalls, das kann ich aus eigener Mitwisserschaft bekunden, ist dieser von Marburg aus reichlich mit Anregungen versehen worden. Aus einem Verteidiger seines Wirkungskreises ist Dr. Munk schließlich zu einem Anwalt des Gesamtjudentums emporgewachsen. Mochte von Irgendwoher antisemitische Gefahr drohen, Dr. Munk war bei der Abwehr beteiligt. Vielleicht erfolgte sein Mitwirken aus dem Empfinden, daß;edes antisemitische Fernbeben seine Wellen nach Marburg zurückwarf. — Um alle Gründe zur Anfeindung zu beseitigen, hat der entschlafene Marburger Rabbiner auch versucht, dort bestehenden Einseitigkeiten im Erwerbsleben entgegenzuwirken. Aus diesem Gedanken entstand das Schüler- und Lehrlingsheim in Marburg, das den Eltern die Möglichkeit bietet, ihre Söhne ohne allzu große Opfer anderen Erwerbsarten zuzuführen. — So hat Dr. Leo Munk eine vielseitige und schließlich erfolgreiche Abwehrtätigkeit entfaltet.

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