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Im deutschen Reich · 1918-03-01 · Heft 3 (März 1918) · p. 116

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 3 (März 1918)
Article
Sammlung der Kräfte
Date
1918-03-01
Page
116 (sequence 1)
Language
German
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116 Im deutschen Reich Sammlung der Kräfte. Von Ltnä. med. Albert Frohmann. Jeden Freitagabend sah ich ihn in der Synagoge. Er stand in derselben Reihe wie ich, da, wo die Ortsfremden Platz nehmen. Das Schicksal wirft ja den Soldaten nicht nur draußen im "Felde, sondern auch in der Heimat bald hierhin, bald dorthin. Wie fremd aber auch eine Stadt sein mag, das Gotteshaus ersetzt uns überall ein Stück Heimat. Wir kannten uns beide nicht. Ich war Unteroffizier. Er war Zivilist, was mich bei seinem Alter — ich schätzte ihn auf 22 Jahre — wunderte. Oder sollte vielleicht das ständige Zucken seiner rechten Achsel . . .? Beim Verlassen des. Gotteshauses kamen wir einmal zufällig ins Gespräch. Er sei auch fremd hier, und wenn es mir nichts ausmache, werde er mich ein Stückchen begleiten. In den Kämpfen an der Somme war er verschüttet worden und hatte verschiedene Verletzungen davongetragen. Lange hatte er in Lazaretten gelegen, ein Nervenschock war ihm geblieben. Man hat ihn aus dem Militärverhältnis entlassen. Er sei nicht fromm, sagte er mir unter anderem, aber den Besuch des Freitagabend-Gottesdienstes versäume er nur sehr ungern. Es sei ihm das gewissermaßen ein Stück Tradition aus dem Felde. Da sei man doch oft vom Schützengraben aus ein paar Stunden unterwegs gewesen, bis man den jüdischen Feldgottesdienst erreicht hatte. Und der Weg war gerade nicht immer so ungefährlich. Aber man sei dabei wenigstens zum Bewußtsein seines Glaubens, seines Judentums gekommen. Und man habe von so einem Feldgottesdienst immer ein erhebendes Gefühl in den schweren Alltag mitgenommen. Und hier in der Heimat, wo nur einige Minuten Weges uns vom Gotteshaus trennen, sollte man achtlos daran vorübergehen und sich nicht hier und da zum Bewußtsein bringen, daß man zur jüdischen Gemeinschaft gehöre? Dies sei ja die einzige Möglichkeit, da sonst jede Anregung zur Betätigung jüdischen Lebens fehle. Das war ungefähr der Inhalt unseres kurzen Gespräches, das mich auf Gedanken zurückbrachte, die längst in mir wach geworden waren, seit ich wieder auf heimatlichem Boden war. Tausende, von jenen, die draußen im Kampfe gestanden haben, sind inzwischen in die Heimat zurückgekehrt, teils ganz entlassen, teils im Garnisondienst, teils als Beurlaubte in der Kriegsindustrie oder Kriegswirtschaft.' Viele von ihnen sind dem Judentum Nähergekommen. Das kann ich mit gutem Gewissen aus Grund meiner mannnigfachen Erfahrungen behaupten. Nun bin ich überzeugt, daß das Interesse an der jüdischen Sache, an der jüdischen Religion, das draußen in ihnen geweckt oder gestärkt und gefestigt wurde, in dem Augenblick, da sie wieder heimatlichen Boden unter sich fühlen, nicht schwindet, ja, daß vielleicht eher das Bewußtsein,' aus dem unruhigen Leben in friedliche Verhältnisse zurückgekehrt zu sein, bei vielen den Vorsatz, den sie draußen gefaßt, zu einem festen Willen verstärkt. Den Vorsatz nämlich, von nun an mitzuwirken am Aufbau des jüdischen Lebens. Ich bin früher noch weitergegangen und habe die aus dem Felde Zurückkehrenden — gerade in diesen Blättern — Kämpfer und Streiter des Judentums gegen innere und äußere Feinde genannt und behauptet, daß sie befähigt und berufen seien, Führer und Lehrer des jüngeren Geschlechts zu sein. Ich glaube, diese Behauptung auch heute noch aufrechterhalten zu können. Aber nun kommen die Gedanken und Bedenken, wie sie das eingangs erwähnte Gespräch aufrührt. Den Vorsatz in die Tat umzusetzen, dazu fehlt vielen scheinbar die Gelegenheit, die Anregung; es fehlen, weil sie der einzelne nicht zu finden weiß, die Gesinnungsgenossen, mit denen zusammen man für jüdische Interessen auf dem einen oder anderen Gebiete wertvolle Arbeit leisten könnte. Und allzu viele vielleicht stößt die Gleichgültigkeit, die sie in der Heimat vielfach vorfinden, ab und raubt

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