Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Antisemitismus und Religion
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 98 (sequence 2)
- Language
- German
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■9ö . Im deutschen Reich Nicht soll an dieser Stelle von der Einwirkung des Antisemitismus auf die großen Züge deutscher Politik die Rede sein, obwohl auch sie einer nachdenklichen Betrachtung wert erscheint. Daß sie — zumal jetzt in der Kriegszeit — durch den im neutralen und feindlichen Ausland erweckten Eindruck vom Wesen deutscher Kultur von erheblicher Bedeutung ist, hat man schon oft genug hervorgehoben. Wenn auch selbstverständlich in der Anklage des feindlichen und neutralen Auslandes, daß Deutschland seine politische Rückständigkeit und sein „Barbarentum" durch die Stärke seiner judenfeindlichen Bestrebungen erweise, ein gutes Stück Heuchelei zu finden ist, so ist doch praktisch durch diese — besonders in Nordamerika und Italien — bis zum Ueberdruß wiederholte Versicherung manche Abneigung genährt und zum mindesten viel Sympathie zerstört worden. Nach der russischen Revolution vollends, die mit einem Federstrich die gesamte barbarische Judengesetzgebung der Zarenzeit beseitigte, ist in der feindlichen und neutralen Presse das alte Lied mit unleugbarem Geschick wieder angestimmt worden, und man hat mit dieser Beweisführung fraglos besonders unter der starken und einflußreichen Judenschaft Nordamerikas, die ursprünglich durchweg deutschfreundlich war, eine beträchtliche Feindschaft gegen unser Vaterland zu erwecken verstanden. Ebensowenig soll hier ausführlich die Rede davon fein, daß auch in der inneren Politik der Antisemitismus von manchem unheilvollen Einfluß ist. Daß viel Zeit und erhebliche Kraft ohne einen sichtbaren Nutzen bei den von ihm erregten Parteikämpfen verlorengehen, ist kein objektives Moment, da ein jeder Parteikampf in den Augen des Gegners diese Beurteilung finden wird. Aber nach einer Richtung unterscheiden sich doch die von ihm vertretenen Bestrebungen von denen aller anderen Parteien, indem ihnen ein positives und aufbauendes Ideal fehlt. Seine rein negativen Ziele bringen in den politischen Kampf ein negatives, destruktives Element. Und wenn von manchen Seiten behauptet worden ist, der Antisemitismus sei der Vorläufer der unfruchtbaren, stets nur verneinenden Spielart der Sozialdemokratie, so liegt darin fraglos ein wahrer Kern. Im einzelnen wirkt in der Gestaltung der inneren Geschicke unseres Vaterlandes der Antisemitismus auch dadurch ungünstig, daß in Befolgung seiner Lehren oder aus Rücksicht auf seine Anhänger einerseits viele taugliche Kräfte unter den Juden aus bestimmten Berufen ferngehalten, andererseits aber . Menschen ohne die rechte Begabung und ohne die erforderliche Neigung in gewisse Erwerbsgebiete zusammengedrängt werden. Für den Staat, dessen oberstes Ziel die verständige Ausnützung Mer für ihn verfügbaren Kräfte im Interesse des Ganzen sein