Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1918)
- Article
- Die Juden und der moderne Kapitalismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Ms Juden itn& Ls? Wodsrne 3Saf>fkH#»tag.- 5 Umtentnm zuzuführen, wenn schließlich vor einigen Jahren eine jüdische Zeitung von politisch--konservativer Richtung gegründet worden ist, die dir fast ausschließliche Zugehörigkeit der Juden zu den Parteien der politischen Linken beklagt, so äußert sich in allen diesen Erscheinungen eine und dieselbe Stimmwng, der Wunsch nach einer neuen Form des Lebens und' nach! anderen Maßstäben für die Schätzung und Bewertung unserer Ziele, eine gefühlsmäßige Gegnerschaft gegen den Handel und die Empörung gegen den auch in unserer Mitte herrschenden Geist der Zeit. Dieser aber ist der Geist des Kapitalismus. Unser Herz drängt uns offenbar zu einer Auseinandersetzung mit diesem. Und deshalb folgen wir mit innerster Anteilnahme einem gelehrten Streit, der sich zwischen Brentano und Sombart um die Anfänge des Kapitalismus und die Rolle, die die Juden dabei spielen, entspannen hat. Als Kinder der Zeit wie als Söhne des Judentums werden wir von diesen Auseinandersetzungen lebhaft betroffen. Eine Definition des Kapitalismus, die alle Seiten seines Wesens erschöpfte, kann nicht gegeben werden. Denn er ist kein Ding, sondern eine Form, ein Stil des Lebens uchd vielseitig, wie dieses selber. Rur einzelne Seiten kann man herausgreifen und beschreiben. Bis in die jüngsten Jahrzehnte hatte sich dieNationalökonomie häuptsächlich mit seiner äußeren Erscheinungsform beschäftigt. Sie hob vor allem das wichtige Merkmal hervor, daß bei diesem Wirtschaftssystem die einen die Verfügung über die Produktionsmittel haben, während die anderen nur ihre Arbeitskraft besitzen, daß also Unternehmer und Arbeiter getrennt einander gegenüberstehen. Dagegen hat die wissenschaftliche Erörterung der jüngsten Fahre ihre Aufmerksamkeit auch auf die seelische Seite dieser Wirtschaftsordnung gelenkt. Man fand, daß sie mehr fei als nur eine äußerliche Regelung des wirtschaftlichen Lebens. Viel« mehr sei der Kapitalismus gleichzeitig eine bestimmte Richtung der menschlichen Seele. Unersättlich war der Mensch immer, Und von Geld und Gut konnte er niemals genug bekommen. Brentano zitiert den Dirchenvaier Ambrosius, daß Iosua zwar imstande gewesen sei, die Sonne zum Stillstand zu bringen, nicht aber der Gewinnsucht Herr zu werden. Und er erzählt dem Kirchenvater Augustinus ans dem 6. Jahrhundert eine lustige Geschichte nach^ Ein Schauspieler habe bekannt gemacht, er werde im Theater allen sagen, was ihre Seele erfülle und wonach ein jeder strebe. An dem bestimmten Tage sei eine große Menge ins Theater geströmt, und da habe er den in gespannter Erwartung Schweigenden zugerufen? „Ihr wollt alle billig kaufen und teuer verkaufen." Und alle hätten sich in diesem AusspruHe wieder- 'gefunden und begeistert Beifall geklatscht.