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Im deutschen Reich · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. 365

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
23 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
Zur "polnischen Juden-Frage"
Date
1917-09-01
Page
365 (sequence 2)
Language
German
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Zur polnischen Iudenfräge.- 36^ hauptet, Laß als Folge einer von der deutschen Verwaltung geschaffenen Verordnung über die Organisation der jüdischen Beligionsgesellschast, die das verwilderte Gemeindelebeu ordnen wilß eine Massentause eintreten könne, wenn etwa dadurch die Gemeindesteuern erheblich erhöht würden. Menschen, die so materiell und traditionslos uralten Bindungen gegenüberstehen und die aus solchen Gründen zu einem unwahrhaftigein Glaubenswechsel bereit sind, erwerben sich allerdings nirgends Achtung. Es dürfen aber rerneswegs alle „Assimilanten" nach diesem Bilde ihrer unerfreulichen Genossen beurteilt werden. Es gibt in der assimilierten Schicht Männer und Frauen, die unermüdlich in der jüdischen sozialen Hilfstätigkeit arbeiten, die in Gemeindeverwaltungen nützliche Arbeit leisten und die aufrecht ihr Judentum bekennen. Die große Masse der polnischen Juden ist nicht polnisch assimiliert. Ihre Sprache ist die sogenannte jüdisch-deuLsche Sprache. Abgesehen von der von der polnischen Kultur erfaßten Oberschicht und einzelnen, von irgendwelchen westeuropäischen Kulturen beeinflußten Einzelindividuen ist die Kultur der Masse lediglich als eine mittelalterlich-religiöse Kultur zu werten. Falsch aber wäre es, mit dem Schreiber der Warschauer Briese, der die Abgeordneten Baumann und Haas in liebenswürdiger Weise der Blindheit bezichtigt, anzunehmen, daß. die polnischen Juden bewußt jüdisch-national [eien. Der jüdischen Masse fehlt der nationale Wille und der sprachliche Willedas polnische Judentum befehdet sich gegenseitig in der Fragewelche Sprache in Zukunft ihre Sprache sein soll — ob polnisch, hebräisch oder jüdifch-deutsch. Diese Tatsache erklärt sich durch den Mangel einer eigenen modernen Kultur und durch das Fehlen eines s e l b st Ln d i g e n wirtschaftlichen nationalen Lebens. Eine Gemeinschaft, die zerstreut unter anderen lebt, der die große Grundlage nationalen Lebens, der eigene Bauernstand, fehlt, die auch außerhalb des Landes kein nationales Zentrum hat, die in nichts selbständig, aber tausendfach von der Umwelt abhängig ist, kann kein eigenes nationales Leben entwickeln und erhalte:^ An dieser Tatsache können die schönsten Wahlersolge der Bationalisten nichts ändern, die ein Protest gegen dein polnischen Antisemitismus, aber kein Ausfluß nationalen Willens sind. Die große Masse ist bewußt jüdisch-orthodox. Sie ist politisch indifferent; sie verlangt Schonung ihrer religiösen Empfindungen und gerechte Behandlung. National-politische Ansprüche erhebt sie nicht. Im Gegenteil! Weite Kreise der Orthodoxie stehen nicht nur den nationalistischen und zionistischen Führern, deren religiöse Haltung dieser strengsten aller Ortho-

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