Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Unsere Soldaten und die Judenfrage
- Date
- 1917-09-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
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352 Fm Deutschen Reich.- Für eine Untersuchung über die Stellung der deutschen Nesamtbevölkerung zur Iüdenfrage gibt es eine Reihe mehr oder weniger zuverlässiger Erkenntnis quellen: Wahlergebnisse schaffen Anhaltspunkte. Literatur ist zu jeder Einzelfrage reichlich vorhanden. Aeußerungen führender Männer aus allen Lagern lassen sich verwerten. Der Untersuchende und andere, die ihn unterstützen, kennen die Stimmung der ihnen nahestehenden Kreise. Abstimmungen in Parlamenten, Ergebnisse von Volksversammlungen, Gespräche mit hervorragenden Männern und mit Leuten ans dem Volke geben Material, Hilfsmittel überall. Aber dennoch nur geringe Gewähr, ha% alle diese unterstützenden Momente wirklich ein erschöpfendes) nach keiner Richtung verzerrtes Bild liefern. Die innigste, alltägliche Berührung des Beobachters mit dem Gegenstände seiner Bearbeitung fehlt häufig, ebenso die^ Möglichkeit, das Volk, die Masse, dort zu belauschen, wo sie ohne jede Einwirkung von berufenen oder nicht berufenen Führern ihren Anschauungen Ausdruck gibt. Selten ist ein so enges Zusamwenleben mit den Vielen und Allen gegeben, hast jede Schranke sozialer Verschiedenheit schwindet und jede Empfindung unvermittelt aufgefangen werden kann. Der Krieg hat hier Wandel geschaffen. Er eröffnet den 'Gebildeten, die als Landsturmleute in Reih und Glied stehen, Erkenntuisquellen, die vordem snichl geboten waren. Dem Vorgesetzten gegenüber ist der Mann befangen. Mit ihm verhandelt er nur in der Form von Frage und Antwort. Die unwillkürlichen Aeußerungen seiner inneren Vorgänge, die unkontrollierten Ausdrücke geplagten Seelenlebens, die häufig gar nicht gewollten Reflexbewegungen des ganzen inneren Menschen erkennt nur der Kamerad, der Leid und Freude, Unterstand und Zeltbahn, Marsch und Ruhe teilt. Viele werden darum Fragen, Leuen sie schon vor dem Kriege ihre Anteilnahme schenkten, mit neuem und andersartigem Material bearbeiten Dunen. Aber auch dabei wird man sich, vor Verallgemeinerungen hüten müssen. Oft und West int Reich sind verschieden, Norden und Süden nicht allein geographisch geschieden. Jugend und Mannesaller denken und reden auch im grauen Rock nicht gleich. Aber jeder, der in allerengsLer Gemeinschaft mit Kameraden gelebt hat, wird Aeilbetrachtiut ge n liefern können. Auch für die Iüdenfrage. Wie das Volk in seinen unbeeinflußten Tiefen über sie denkt, läßt sich nicht einmal in den Wahlkreisen mit antisemitischen Kandidaturen sicher erkennen. Wirtschafts- oder Personalsragen bilden häufig selbst dort für den Wähler bestimmendere Momente als bie Stellung zum Judentum. Ans fehlen auf Erfahrung gegründete Anter-