Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- [Ohne Titel] / J. L.
- Date
- 1917-07-01
- Page
- 302 (sequence 2)
- Language
- German
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302 Im Deutschen. 0vctd}.: von der freien Bahn für alle Tüchtigen wird ihm unvergessen bleiben. wie aus einer Versenkung iauchte als neuer Kanzler ein Mann empor, dessen Name in keiner der Kandidatenlisten vorher erschienen war, ein Mann, der vordem niemals mit dem öffentlichen politischen Leben in Berührung gekommen war, ein Mann, den die weitere Oessentlichkeit kaum kannte. So wenig bekannt war bei seiner Er« nennung nicht einmal Caprivi, der aus der Armee in die Regierung, vom kommandierenden General zum Reichskanzler berufen wurde. Wohl weil die Nachfolgerschaft auf einen Bismarck gar zu sehr schreckte vestigia terrent! — und eben nur ein Militär an den gefährlichen Posten kommandiert werden 'mußte. Aber alles was man über den neuen Kanzler hört - viel ist es ja nicht — scheint wohl geeignet, das Vertrauen zu stärken. Der neue Reichskanzler Dr. Michaelis ist ein Bewohner der Villeu-Kolouie Saarow am Scharmützelsee bei Berlin. Die Einwohner des reizenden kleinen Villenortes nnn, die, stolz darauf, daß sie dem Reiche einen Kanzler liefern, ihren Nachbar doch seit Jahren so gut kennen wie es eben nur in so kleinen Oertchen möglich ist, wissen, daß er ein Mann von geradem und schlichtem Wesen, von kristallklarem Charakter und fern von. jedem persönlicher^ Ehrgeiz ist. Sie meinen, er hätte nimmermehr das verantwortungsvolle Amt übernommen, wenn er nicht nach strengster Selbstprüsung zur Ueberzeugung gelangt wäre, daß er den schweren Pflichten genügen würde, die er aus sich lädt. Mit den jüdischen Villenbesitzern in Saarow hat der neue Kanzler gute Nachbarschaft und freundliche -Beziehungen unterhalten, mit Einzelnen hat er öfter verkehrt, sie kennen ihn als einen Mann von hochentwickeltem Gerechtigkeitsgefühl und menschenfreundlicher Gesinnung der jeder Verhetzung und Rechtsschmälernng aus innerstem Empfinden abhold ist. In der einzigen Parlamentssitzung, in der er ehedem in Angelegenheiten der Reichsgetreidestelle antisemitischen Treibereien begegnete, ist er ihnen wirksam entgegengetreten. Die neuerwachende Neigung zu solchen Hetzereien Und Rechtsverkümmerungen — aus agrarischen, schwerindustriellen!nnd sonstigen Kriegslieserungsmitteln frisch gestärkt — sucht immer wieder Nahrung zu ziehen aus der feindseligen Stimmung auch des neutralen Auslands gegen Deutschland und unternimmt krampfhafte Versuche das — Judentum dafür verantwortlich zu machen. Das Schlagwort vom reaktionären Deutschland erfährt im feindlichen wie im neutralen Ausland allerdings eine wahrhaft wucherische Ausbeutung. Das hat den antisemitischen