Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1917-06-01 · Heft 6 (Juni 1917) · p. 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
23 (1917)
Issue
Heft 6 (Juni 1917)
Article
Hagada und Arbeit
Date
1917-06-01
Page
266 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2316602-2316864-2316870-2352263--27309-2352383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

266 Im Deutschen NeiH°- gerade die gesetzlich bewußte oder symbolisch unbewußte Ermunterung zum Schaffen uns Juden macht. Nicht auf der rohen, maschinenmäßigen Arbeit, sondern auf der Arbeit, die sich ihres sittlichen Zweckes bewußt ist, beruht der Erfolg der Menschheit. Für seine kulturellen Absichten har der Mensch alle Erscheinungen der stofflichen Welt — die anorganische Natur und die niederen und höheren Arten der organischen — in Zeinen Dienst gestellt. Wasser und Salz der Sederschüssel lassen eindrücklich erkennen, wie selbst die Erde in ihren Grundstoffen dem Menschen tributpflichtig ist. In ihren Schoß steigt er durch künstliche Gänge hinab, um ihre Schätze hervorzuholen. Welches Bild kräftiger und organisierter Arbeit tritt uns da entgegen! Meerrettich und die süße, bräunliche Mischung, von der wir als Kinder so gerne naschten, sind die Huldigungen der Pflanzenwelt an den betriebsamen Gärtner und Pfleger. Dowohl mit ihrem erdumgebenen Körper, wie in ihren wohlschmeckenden Früchten dient die Pflanze dem Wohl des Menschen, zugleich in ihren Tributen das schönste Sinnbild dafür abgebend, wie die Arbeit zwar in ihrem Kerne bitter ist, aber zugleich durch das Bewußtsein ihres sittlichen Zweckes als die süßeste Frucht unseres irdischen Daseins empfunden wird. Letzteres sind Ei und Knochen, die Beweisstücke für die Dienstbarkeit des tierischen Seins in seiner lebendigen oder unlebendigen Form. Oder, anders ausgefaßt, stellen sie Zeugnis und Anerkennung der Tatsache, daß sich die Macht des Menschen selbst aus Anfang und Ende des! lebendigen Seins erstreckt. Er kann Entwicklung und Tod des Tierwesens bestimmen, und damit ist ihm das stolze Bewußtsein gegeben, an den ausschließlichen Rechten der Gottheit teilzuuehmen. Alle diese Erscheinungen der wilden, ungebändigten Natur kann der Mensch sich nicht ohne intensivste Arbeit und eindrucksvollste Geltendmachung seines Willens unterwerfen und seinen Kulturabsilchten dienstbar machen. Die Tatsache, daß eine offizielle jüdische Feier diese Dinge äußerlich zur Schau bringt, darf als Beweis dafür angesehen werden, wie sebr der Jude die allgemeinen Anschauungen vom sittlichen Wert der Arbeit teilt. So wird die Sederseier nachgerade zu einem Triumph des. Arbeitswillens, den auch die Erzählung der Hagada in keiner Weise abzuschwächen versucht. Die Juden sind — rückläufig betrachtet — von einer erstaunlichen Leistungsfähigkeit, wenn man die Sklavendienste in Aegypten oder die vierzigjährige Wüstenwanderung in Betracht zieht. Daß unsere Vorfahren in Palästina als Bauern und Handwerker manuelle Arbeiten verrichteten, gehört zu den einfachsten geschichtlichen Wahrheiten. Wurde unter dem Druck jahrtausendelanger Entrechtung und der daraus folgenden unfreiwilligen Entwöhnung von der Ar-?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.