Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- Der hygienische Standpunkt
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 214 (sequence 1)
- Language
- German
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214 Im Deutschen Mich. Der hygienische Standpunkt bei der Berufswahl und Berufsberatung der Juden. Von San.-NaL Dr. Sonnenberger) Worms. Die neugeschaffene und — bei aller Wahrung ihrer Selb* ständigkeit — seit einem halben Fahre dem Centralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens angegliederte Hauptstelle für Berufsberatung der Juden will alle Kräfte der Durchforschung ihres Gebietes, der Herbeischaffung alles zuverlässigen Auskunftsmaterials widmen und hat, insoweit dies bis jetzt schon möglich war, auch schon praktische Betätigung geübt. Auch eine Abteilung für Frauenberufe ist unter Mitwirkung des Jüdischen Frauenbundes eingerichtet. Bei guter Organisation — und alles spricht dafür, daß dieselbe in richtige Bahnen gelenkt werden wird — wird diese Institution den deutschen Juden nach dem voraussichtlich nicht mehr fernen, für uns siegreichen Friedensschluß zu hohem Segen gereichen. Berufswahl und Berufsberatung, welche ja die Hauptziele dieser Einrichtung sind, haben pädagogische, hygienische, soziale usw. Bedeutung. Ich habe hier als Arzt die Aufgabe, die hygienische Seite der Berufswahl und -bedeutung zu erörtern. Es ist eine vielfach beklagte und oft konstatierte Tatsache, daß bei der Berufswahl auf die körperliche Beschaffenheit der Jugend auffallend wenig Gewicht gelegt wird. Bei der Berufswahl entscheiden in den meisten Fällen rein äußerliche Momente, wie die Möglichkeit, bald Geld zu verdienen, andrerseits aber auch der Ehrgeiz, ,,höher hinauf" zu wollen, ein Moment, das ja gerade bei den Juden oft maßgebend ist und daher dem Handwerk bei der Berufsergreifung derselben eine verhältnismäßig so geringe Stelle einräumt. Die notwendigste Voraussetzung aber der Berufsfreudigkeit, die einen großen Teil unseres Leöensglückes ausmacht, und eines gewissen gerechtfertigten Berufsstolzes — auch der Handwerker, der kleine Kaufmann, der niedere Beamte können auf ihren Beruf stolz sein, wenn sie in ihm nicht blos Mietlinge sind, die nur mit Anlust an ihre Arbeit gehen — ist die berufliche Tüchtigkeit. Ohne diese kann ein Mensch in seinem Berufe kaum Durchschnittsarbeit, geschweige Hervorragendes leisten, es fehlt ihm dann auch die Freude für die Arbeit, die innere Befriedigung, dann ist aber der Beruf oft auch die A r s ache materieller Not; er kommt nicht vorwärts im Leben, ergreift womöglich, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, einen anderen Beruf, in dem er aber auch meist ein elender Stümper oder Pfuscher bleibt. Ideelle Tüchtigkeit in seinem Beruf — oder doch wenigstens einigermaßen ideelle und