Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1917-05-01
- Page
- 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Im Deutschen Reichs ner kostet, neigt, allen Anzeichen und allen Aeußerungen der be* rufenen SLaatenlenker nach, dem Ende zu. Wie aus -einem bösen, LausendnächLigen Traum erwacht Europa, reibt sich die Augen hell und fragt sich, ob wirklich solch ein Vülkertaumel, ein so übertolles Wüten der Menschheit gegen sich selbst 'Möglich gewesen, und ob es nun dem Abschluß zneilt. Auf welche Formel man sich nach der Weltentzweiung einigen, unter welchen Be-» dingungen mau, angesichts der sehr klaren Kriegslage, zur Verständigung kommen wird, das ist eine wahrlich nicht unwichtige Frage, aber doch eine, die fast zurücktritt vor dem Wunsch, vor dem Verlangen nach Frieden. Der Sozialdemokratie siel überraschenderweise — vermöge ihrer weltumfassenden Verbindung — die Aufgabe zu, eine Art vorbereitender Verhandlung zn eröffnen, und sie ist in ihren Vorschlägen so ungefähr auf die Formel gekommen, die bei Goethe, in den „Jahreszeiten", den Niederschlag des Kantschen Traktats „vom ewigen Frieden" in zwei Zeilen zusammenfaßt: Bald, es kenne nur jeder den eigenen,, gönne den andern Seinen Vorteil, so ist der ewige Friede gemacht. Wie immer aber auch das bunte Landrartenbild nach dem Kriege anssehen mag, ein gründlich verändertes Weltbild tritt jetzt bereits, ziemlich scharf umrissen, aus dem Pulverdampf und -qualm des Weltkrieges deutlich hervor. Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht! Alte Throne gestürzt und neue Throne aufgerichtet, aus den Gräbern sturmgeknickter Despotien erblüht die zarte Pflanze junger Freiheit — freilich noch schonungsbedürftig, freilich noch nicht der Rauhreifgefahr der gestrengen Herren entrückt, die in der politischen Meteorologie länger herrschen als drei Tage. Polens jahrhundertalter Traum der Wiederauferstehung wie durch ein Wunder verwirklicht, Rumäniens, Serbiens, Montenegros blutjunge Königsherrlichkeit in Schutt und Trümmern. Daß die Not einen, nach Shakespeare, zu „seltsamen Schlafgesellen" bringt, das hat die Kriegsnot da draußen und bei uns daheim, gezeigt. Aus jahrhundertalter englisch-französischer Feindschaft, aus naturgemäßer russisch-englischer Gegensätzlichkeit sind Bündnisse geworden, Amerika, das einst unter deutscher Hilfe nnb Sympathie ba§ englische Joch tu blutigen Kämpfen ab geschüttelt hat, läßt sich zmn Spießgesellen Englands einfangen, herabwürdigen, und will nun seine Söhne, nach den iud sichen Kulis, nach den Schwarzen aus allen'englischen itub französischen Kolonien, gegen die Deutschen ins Feuer schicken lassen. Bei uns daheim har der Kriegswirbelsturm, der das Anterste zu oberst kehrt, die alten Gegensätze, Regierung und Sozialdemokratie, einander angenähert, indes die alte Garde der Re-