Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 4 (April 1917)
- Article
- Hagada und jüdischer Arbeiterstand
- Date
- 1917-04-01
- Page
- 170 (sequence 2)
- Language
- German
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170 Im Deutschen Reich.: und so weiter. — Ich weiß aus meiner Kindheit, Haß man beim Vortrag dieses Abschnittes nicht allein starkes Mitleid mit Len so s H wer an g estren g L eit armen Juden empfand, „Wie konnte man uns Juden so schwere Dienste zumutend"' Lachten wir. Wir hatten ja auch in unserer Heimat gesehen, Laß die Tätigkeit unserer Väter meist in kaufmännischeen Berufen bestand, unsere ganze Gemeinde setzte sich aus wenigen Akademikern, vielen Kaufleuten und Handelsleuten zusammen, auch das Handwerk war vertreten; wir hatten jüdische Schneider, Glaser, Bäcker, Fleischer. Die ärmere Bevölkerung lebte teilweise von AnLerstützungen und im übrigen vom Hausierhandel. „Arbeiter" gab es nicht. Später habe ich einmal auf Propagandareisen für ein jüdisches WohltätigkeitsunLernehmenl einen großen Teil der Provinz Posen besucht und ■ kenneü gelernt, jüdische „Arbeiter" gab es nirgends. — Wahrend des Krieges hatte ich nahezu zwei Fahre Gelegenheit, das jüdische Gemeindeleben in Polen und Litauen aufmerksam zu betrachten, Schwerarbeiter habe ich aster auch hier, wö es ein sehr zahlreiches Proletariat gibt, nur vereinzelt gefunden. Das erklärt sich ans der Tatsache, daß ehedem die Juden g e w a l t s a m von jeder Arbeit ferngehalten und einzig auf den Handel in den Städten angewiesen wurden. Aber abgesehen vom jetzigen Kriege, in dem das deutsche Judentum ja so stark vertreten ist und in dem es auf die Fähigkeit zu schwerer körperlicher Arbeit sehr wesentlich ankommt, gebrauchen wir notwendig für die Zeit nach dem Kriege eine jüdische Arbeiterklasse. ' Auch die Symbole auf der Sederschüssel wie Bitterkraut, Salzwasser und äußerlich an Lehm erinnernde Mischungen, weisen aus die Arbeit unserer Vorväter hin und gemahnen gleichsam an die Bitterkeit der schweren Arbeit. Unzweifelhaft schreckt also die Hagada — wie sich noch an anderen Stellen annehmen läßt — unwillkürlich vor schweren Arbeiten und wirkt so unseren sozial-erzieherischen Bestrebungen entgegen. In dieser Richtung schlankweg eine Abänderung der Hagada zu versuchen, empfiehlt sich wohl kaum. Ließen sich aber nicht zu den von mir angeführten und vielleicht auch zu anderen Stellen der Hagada aufklärende und sinngemäß erläuternde Anmerkungen schaffen? Ich würde dies vor allem den Lehrern für ihre Schüler empfehlen, ebenso wie ich nach eigener Erfahrung eine körperliche Ertüchtigung unserer jüdischen Iudend und des Nachwuchses nicht dringend genug empfehlen kann. Bur eine körperlich unL geistig gesunde jüdische Generation wird fähig sein, den täglichen Kampf um unsere völlige Gleichberechtigung zu bestehen, um dann die Wohltaten des friedlichen Einvernehmens mit unseren andersgläubigen Mitbürgern genießen zu können. —