Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 4 (April 1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-01
- Page
- 168 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316864-2316868-2351878--27029-2352022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
168 Im Deutschen Reich.- sophischer und historischer Seite kann und soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Ebensowenig sei hier ein Anlaß, die Frage zu untersuchen, ob die absolute Gleichstellung von Protestantismus und Deutschtum — die Grundthese des Buches — aus allseitige und unbeschränkte Zustimmung rechnen darf. Vom jüdischen Standpunkte aus sei aber bemerkt, daß man viele geschichtliche Vorgänge, aus denen Cohen Schlüsse zieht, anders bewerten wird als er, und daß man in der Einschätzung mancher Persönlichkeiten, so vor allem der des Maimonides und des Moses Mendelssohn, durchaus anderer Meinung sein kann. Sicherlich führt das auch zu verschiedenen Auffassungen in der Beurteilung so mancher Uebereinstimmung, die Cohen aufzeigt. Was er auf Grund seiner historischen Ueberzeugung für einen wichtigen Wesenszusammenhang zwischen deutschem und jüdischem Geiste erklärt, wird ändern vielleicht nur als. ein zufälliger Anklang ohne inneres Band erscheinen. Es entspräche der ehrlichen Achtung vor dem großen Denker Cohen wirklich nicht, wollte man dies verschweigen. Denn durch das offene Bekenntnis, dem Buche trotz seiner hervorragenden Bedeutung nicht überall hin folgen zu können» wird der aufrichtige Ausdruck der Freude, daß Cohen es geschrieben hat, besonderes Gewicht erhalten. Er vereint in sich, wie einst Moses Mendelssohn, Deutschtum und Judentum ganz restlos. Das Bewußtsein, ein gläubiger, guter Jude zu sein, stärkt seine deutsche Kraft, und sein kerndeutsches Gefühl gibt seinem Judentum stets steue Nahrung. Er ist nicht deutsch, obwohl er jüdisch ist, sondern weil er es ist, und damit wird die verehrungswürdige Persönlichkeit Cohens zu einem Führer für alle seine deutschen Glaubensgenossen. Der Konflikt zwischen Deutschtum und Judentum wird nur dort empfunden, wo das Judentum seine natürliche Gestalt, seine religiöse Kraft verloren, wo man es mit Aufgaben und Zielen belastet hat, die den Kreis der Religion und ihrer sozialen Pflichten weit überschreiten. Er ist auch dort zu finden, wo das Judentum nicht mehr stark in den Seelen wurzelt, wo es nur eine Vergangenheit, gber keine Gegenwart und Zukunft besitzt. Cohen hat den Weg zum Deutschtum gewiesen, der über echtes, empfundenes Judentum geht. Und sein Buch wird zu den wertvollen Veröffentlichungen unserer Zeit gerechnet werden können, wenn es das Bewußtsein verbreiten hilft, daß jener Jude der beste Deutsche ist, der seine Religion in ihrer vollen Größe und Schönheit auf sich wirken läßt, der ihr treu bleibt znit jeder Faser seines .Wesens, der sie freudig und stolz bekennt. Or. F. G o l d M a n n - Oppeln. $