Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 23 (1917)
- Issue
- Heft 4 (April 1917)
- Article
- Bedenkliche Wege
- Date
- 1917-04-01
- Page
- 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316864-2316868-2351877--27021-2352016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 Im! Deutschen Reich, einem Mangel an Objektivität, oft aber überdies von geringem! historischen Verständnis zeugen, auf sich beruhen, so erheischen doch zwei von seinen Forderungen an dieser Stelle eine sehr energische Zurückweisung. Am nämlich den Ostjuden zu Helsen, um ihre Kultur zu heben, verlangt er zunächst eine besondere „O st j u d e njj-- st e ue r", die ausschliestli ch auf die Schultern der deutschen Bürger jüdischen Glaubens und aller jüdischen Institute zu legen wäre! Nun werden ja der Wohltätigkeitssinn und das gute Herz der Juden ganz gewiß nicht versagen, wenn es den östlichen Glaubensgenossen freiwillig zu helfen gilt. Zwangsweise aber eine Steuer für solche Zwecke den Juden aufbürden zu wollen, ist eine ebenso ungerechte wie unüberlegte Forderung. Angerecht wäre sie vor allem dadurch, daß. die Juden allein allg em'ein,e! ,Lasten jtragen Müßten. Die deutschen Juden sind nur ein Teil der deutschen Bevölkerung, das Wohlergehen der Iudenmassen des Ostens liegt aber fraglos im Interesse der Gesamtheit; nicht nur im Handel und Verkehr, sondern noch auf vielen anderen Gebieten würde ihr kultureller Aufstieg dem ganzen deutschen Volke zugute kommen, und es ist mehL' als naiv; zu verlangen, daß die Kosten hierfür von den Juden allein .getragen werden sollen. Es ist schon bedauerlich genug — und so manchem Christen ist der Zustand peinlich — daß aus dem Gelde jüdischer Steuerzahler, besonders in Preußen, christliche Kultuseinrichtungen unterhalten werden, während die Inden für die ihrigen selber sorgen müssen. Aber diese Anterftützung von Sonderinteressen aus den Mitteln der Allgemeinheit erscheint geradezu als gerechtfertigt der Forderung gegenüber, daß einzelne Klassen allgemeine Lasten tragen sollen. Besonders verwerflich ist es aber, wenn so der mittelalterlichen Politik der Iudenstenerü das Wort geredet wird, jener Anschauung, von der zu den Indenab z e iche rr nur ein kleiner Schritt ist. Von jenen Zeiten der Willkür und der Gewalt glaubten wir doch schon recht entfernt zu sein, und nur dann erscheint Bischofss Fordes rung in einem milderen Lichte, wenn man annimmt, er habe sich die Konsequenzen seiner merkwürdigen Angchauung nicht recht überlegt. Daß sie praktisch undurchführbar ist, daß sie schon aus sinanzrechnische;l und verfassungsrechtlichen Bedenken nie zur Tat werden kann, ist klar, und auch ihr Ar- Heber wird sich dessen bewußt sein. Wir leben eben nicht mehr im Zeitalter der solidarischen Haftung! Daß aber ein so ungeheuerlicher Vorschlag überhaupt ausgesprochen werden konnte, ist und bleibt ein trauriges Zeichen diert Voremgenommenheitj und des judenfeindlichen Geistes mancher Kreise. Noch schlimmer ist aber die Gedankenlosigkeit, mit der Bischofs über den Centralverein zu Gericht sitzt. Er