Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Article
- Die Stellung des deutschen Rabbiners zur Ostjudenfrage [Rezension]
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 233 (sequence 1)
- Language
- German
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Bücher schau. 233 Stellung des deutschen Rabbiners zur Gstjuden frage. Vortrag für die Generalversammlung des Raobinerocrbaudes in Deutschland von Dr. Felir (SolCmann, Rabbiner der Synagogengemeinde Oppeln. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kaufmann 1910. Das wichtige Problem der Ostjudenfrage hat eine Anzahl von größeren und kleineren Veröffentlichungen heroorgerufen, und die lange Dauer des Krieges gibt zahlreichen Personen Gelegenheit, ihre nur allzu häufig mit keinerlei Kenntnis des behandelten (Gegenstandes belasteten Gedanken (ber Mitwelt zu offenbaren. Aederaus wenige Berufene befinden sich unter den Verfassern, und groß ist das Anheil, das die vielen Anberufc-nen in den Anschauungen der Leser anzurichten imstande sind*). Bei dieser Flut von Auslassungen berührt es überaus wohltuend, in der Goldmanuschen Schrift die Gedanken eines Mannes zu finden, der mit strenger Sachlichkeit, mit reicher Sachkunde und' auch mit warmfühlendem Herzen an die Prüfung des Problems hcrantritt, sich in Weiser Selbstbeschränkung nur mit der Stellung, die der Rabbiner zur Ostjudenfrage einnehmen soll, befaßt und trotzdem des Altgemeingültigen mehr bringt, als die vielen Anwissenden, die die Frage in umfassender Allgemeinheit behandeln zu dürfen meinen!. In trcffcnicr Ironie verweist der Verfasser darauf, daß alle möglichen Leute ihre Weisheit über die Gestaltung der Verhältnisse der Ostjirden zum besten gegeben haben, daß aber alle diese Volksbeglücker noch gar nicht daran gedacht haben, einmal zu fragen, wie denn die Ostjuden selbst über ihre Zukunft denken, worin denn die zu Beglückenden, kulturell und materiell zu Hebenden selbst eine wirkliche Befriedigung finden mögen. And in der Tat sollte man kaum glauben, daß in einer Zeit, in der die Staaten, die den furchtbaren Krieg vom Zaune gebrochen haben, die Entschuldigung für ihr verdammcuswertcs Treiben damit führen zu können meinten, daß sie erklärtenfür die Freiheit der kleinen Völker zu fechten, über die Ostjuden ohne weiteres verfügt werden soll, ohne daß man sich nur jemals die Mühe nimmt, ihre eigenen Münsche ermitteln zu wollen. Wie der Verfasser in diesem Punkte die von ihm mit Recht ausgeworfene Frage mit unerbittlicher Logik beantwortet, unbekümmert, ob und an welchen Stellen das Ergebnis seiner Antersuchung angenehm oder unangenehm berühren mag, so bahandelt er alle in Betracht kommenden Momente (wie die Sprachenfrage, bic der gewaltsamen Schließung der deutschen Grenze gegenüber den Ostjuden, die Schulsrage, den Chassidismus, die wirtschaftlichen Probleme und die ihn begreiflicherweise am meisten berührende religiöse Frage usw.) mit der alle seine Schriften auszcichnenden, systematisch gliedernden, durchsichtigen Klarheit, die gerade in der Erörterung dieser Frage den meisten bisherigen Ver- *) Es sei z. P. an die Schrift des Geh. Regierunasrats Fritz erinnert, die durch den Titel ihres Verfassers vielfach oen irrigen Glauben erweckt hat, daß der Verfasser den von ihm behandelten Gegenstand wirklich beherrsche, die aber — außer bei Antisemiten und einigen Zionisten — mit ihrem Rate, daß die Juden nach .Palästina wandern sollen, nichts beweist, als die Unfähigkeit ihres Verfassers, das Problem ZU meistern. Sie hat neuerdings in der ausgezeichneten Broschüre des Fürstlich Pleßschen Archivars vr. Zivier eine vollendete Widerlegung gefunden.