Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Article
- Die Hauptstelle für Berufsberatung der Juden
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 Inr Deutschen Reich. Völlig verschlossen. Die Industrie spielte im volkswirtschaftlichen Leben keine nennenswerte Rolle. Die Berufstätigkeit der Inden verteilte sich auf große Gebiete in allen Teilen Deutschlands, namentlich im Osten, keineswegs nur auf die Großstädte, die damals im Leben der Nation ohnedies nicht die Molle spielten, wie heute. . In den kleinen Städten erfüllte der jüdische „Kaufmann", auf dem platten Lande der „Hausierer" eine wirtschaftlich notwendige Aufgabe. In der Regel bot sich nach kurzer Lehrlings- und Gehilfentätigkett Aussicht auf Selbständigkeit, die schon in jungen Jahren begründet werden konnte und die, zumal bei den damals geringen Anforderungen an die Lebenshaltung, vielfach auch bald die Gründung einer Familie gestattete und eine sorgfältige Erziehung der in der Regel ziemlich zahlreichen Nachkommenschaft erlaubte. So war es jahrzehntelang, bis der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Kriege 1870/71 die völlige Aenderung unseres wirtschaftlichen Lebens, den Uebergang vom Agrarzum Industriestaat und innerhalb des letzteren wieder die Ansammlung großer Dermögensmassen in Einzelbetrieben und großer Menscheumassen in Großstädten mit ftcr» b'achte. Die volkswirtschaftlichen lAufgaben, die die einzelnen Juden bisher zum Nutzen der Gesamtheit erfüllt hatten und für die sie notwendig wären, wurden mehr und mehr durch Organisationen ausgenommen. Die Wirkungen auf allgemein volkswirtschaftlichem Gebiete sind bekannt (Großbank, große Versicherungsgesellschaft, Warenhaus, Kartell, teilweise auch der Staats¬ und Kommunalbetrieb). Hierdurch ist im Gewerbe bei Juden und Christen das Alter der Selbständigkeit und der Möglichkeit, eine Familie zu gründen, von Jahr zu Jahr mehr heraufgerückt worden. Hinzu trat in Deutschland in allen Kreisen die leichtere Erschließung der höheren Berufe und das Streben nach Bildung, welches bei den Juden, aus dem an sich lobenswerten Ehrgeiz und der bei ihnen besonders stark entwickelten Kindesliebe, ganz besonders in die Erscheinung trat. Dieses Streben beschränkte sich nicht auf den tzandelsstand. Es führte, da andere Berufe, insbesondere die Offizier- und Beamtenlaufbahn verschlossen waren, zu einem immer wachsenden Andrang zu den freien akademischen Berufen. Dies erschwerte die Gründung der Familie, verursachte einen Mangel an Heiratsgelegenheit und führte zur Zunahme der Ehelosigkeit und zur Einschränkung des Nachwuchses. Hinzu kam noch die antisemitische Bewegung, die zu den oben geschilderten Erscheinungen in Wechselwirkung trat. Alle diese Faktoren machen es endlich notwendig, die Juden auf breitere wirtschaftliche Grundlage zu stellen. Die vorwiegend« Beschäftigung der Juden mit dem Handel, die keineswegs in ihrer Natur begründet, sondern ihnen nur durch