Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Article
- Gustav Freytag und seine Beziehungen zu Juden und Judentum
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 110 (sequence 3)
- Language
- German
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110 Im Deutschen Reich« Männer sowohl in ihren politischen wie menschlichen Eigenschaften. Als Stöcker,Ahlwardt und Genossen die sogenannte „Berliner Bewegung" heraufbeschworen und in demagogischer Weise gegen die Israeliten wühlten, verurteilte Freytag ihr Gebaren aufs Entschiedenste. Man lese nur seine Auslassungen über den berüchtigten „Rektor aller Deutschen" in seinen Briefen an Albrecht v. Stosch, aus Wiesbaden, 8. Dezember 1892*). Als daher die Wiener „Neue Freie Presse" 1893 an ihn das Ersuchen richtete, sich über den A n t i s e m i t i s in u s zu äußern, tat er dies in einer hochinteressanten „Pfingstbetrachtung" vom 21. Mai des genannten Jahres. Was der damals fast 80jährige Greis über den ■ Antisemitismus alter und neuer Zeit geschrieben, gehört wohl mit zu dem besten und schlagendsten, was je über diese Bewegung von einem deutschen Schriftsteller geäußert worden ist. Lr sagt u. a., daß das, was jetzt mit aufgebauschtein Namen als die „antisemitische Bewegung" bezeichnet werde, in Wahrheit nur das alte Leiden sei, nämlich die Iudenhetze, wie sie seit dem großen Mainzer Morde immer wieder in Scene gesetzt worden, nur in ihren Aeußerungen durch die Zeitbildung anders geformt. Während jedach in früheren dunklen Jahrhunderten die Israeliten beraubt und erschlagen oder zur Annahme des Christentums gezwungen worden seien, enthalte sich die moderne Verirrung, was ja in unserer Zeit selbstverständlich sei, Raub und Mord zu empfehlen. Dafür sei sie nach anderer Richtung hin weit grimmiger und unversöhnlicher, denn sie durchsuche bis in irgend welche Vorzeit hinein sogar die Stammbäume der Christen und erkläre auch eine Bekehrilng - zum Christentum und die Einordnung getaufter Juden in das christliche Familienleben als Unehre und als einen Makel für die Nachkommen aus solchen gemischten Ehen. Nachdem Freytag die Sünden, die verflossene Geschlechter an den Juden begangen, aufgezählt, hebt er mit wohltuender Wärme hervor, daß es einer der schönsten Erfolge, die unsere Geschichte zu verzeichnen habe,'sei, daß die Israeliten sich in ihrer erstaunlichen Volkskraft seit 150 Jahren gehoben und Schritt um Schritt bei jeder Steigerung der Bildung und Humanität mit der deutschen Nation verbunden haben. In dieser Zeit seien sie allmähli ch verbündete Freunde und Mttar» #) Vgl. „Gustav Frehtags Briefe an Albrecht v. Stosch"« tzevausgeaeden und erläutert von Hans F. Helmolt. Stuttgart und Berlin 1913, S. 288,