Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Article
- Das Fiasko des Rassenkrieges
- Date
- 1916-03-01
- Page
- 73 (sequence 1)
- Language
- German
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Das des Rasscnkricgcs, 73 Das Fiasko des Nassenkrieges. Von Richard Lewinsohn. z. Z. Kriegsfreiwilliger Unteroffizier 1/11 &rain, Cassel. Dorr der Geschichtsstruide an. in der dem Quartaner, die Perser» kriege als der Kampf zwischen der europäischen uird asiatischen Welt erklärt werden, wird der Deutsche in den Änschauungen der Rassenhistoriker erzogen. Was diese Rassen eigentlich bedeuten, erfährt er — auf der Schule wenigstens — nicht. In der Scrla werden ihm wohl die fünf Blnmcnbachschen Rassen eingepaukt, später hört er noch allerlei von gemeinsamen Sprachstämmen und Stammsprachen, und dem Primaner wird bereits mit der pathetischen Selbstverständlichkeit, mit der sich alles Unklare und Vieldeutige zu geben pflegt, von Germanentum und Slawentum, von arischer und semitischer Rasse, von morgenländischcr und abendländischer Kultur gesprochen. Alle großen Kämpfe, materielle und geistige, sind Raflenlämpfe gewesen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint der verwickelte Gang der Weltgeschichte unglaublich einfach uiü> durchsichtig: Sin paar dunkle Anfänge am RU und Euphrat, die man mit dem Worte „Zivilisation" als eine res minor stempelt. Die Kultur, d. h. die arische, beginnt für den humanistischen Deutschen immer noch in Hellas. Ihre Vergiftung durch das Orienlalcntum (Hellenismus). Fortsetzung: Rom. Der Eieg über die Hamiten (punische Kriege). Ls wird international und morsch, Ablösung durch das blonde, jungkräftige Germanentum, das von da an berufen ist, die Völker zu. höherem emporznsühren und zugleich ein Wall gegen artfremde Eindringliche zu sein. Europa bleibt arisch (nach Vertreibung der Mauren, den Kreuzzügeu als Gegenstoß, den Türken kriegen?). Innerhalb Europas geht nach lOOOjährigem Kampfe mit dem Welschtum (von den Karolingern bis ^ä-dan) das Germanentum als Sieger hervor. Es soll hier nicht um die Richtigkeit dieser Theorieen gestritten werden. Sie haben in der geschichtsphilosophischen Wissenschaft gewichtige Fürsprecher und entbehren nicht einer genialen Großzügigkeit. Aber es wird dem gebildeten Deutschen nicht entgehen, daß sie schlecht mit den weltgeschichtlichen Ereignissen unserer Tage in Einklang zu bringen sind. Mutzten schon die Völkerbündnisse der friderizianischen und napoleonischen Zeit zugunsten der Rassentheorie als Episoden der Geschichte gedeutet werden, so stellt der gegenwärtige Weltkrieg vollends das Fiasko des ewigen Rassenkampfes dar. Diese unabweisbare Tatsache scheint auch unseren Rassenpolitikern etwas Kopfzerbrechen bereitet zu haben, und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie sie sich, immer zeitgemäße damit abzu finden suchen. Als in den schwülen Iulitagen des Jahres 1914 die Stellungnahme Englands noch nicht geklart war, da sprach man mit der gewohnten Sicherheit vom Kampf flämischer Barbarei gegen die germanische Kultur, (Der Reid Frankreichs galt, mit Rücksicht auf unsere italienischen „Bundesgenossen", vorerst noch als französisch und nicht als romanisch oder welsch.) Dann kam die Kriegserklärung unserer germanischen Vettern. Die Rassenpolitiker, die zwar noch vor einer Woche England recht deutlich auf ihre germanische Blutsverwandtschaft aufmerksam gemacht hatten, wiesen sofort eingehend nach, datz der Brite in erster Linie keltischer Abkunft wäre. Doch gleichzeitig begannen sie, den germanischen Stammesbegriff auf das Völkisch-Deutsche einzuschränken. Das war nicht besonders zartfühlend gegen die reichsdeutschen Polen, gegen die Tschechen und