Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Article
- Die Flüchtlingsfürsorge in den jüdischen Gemeinden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- 19 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316857-2316858-2350313--25876-2350417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Flüchtlingsfürsorge in den jüdischen Gemeinden. lg lichen Einfall von Hans und Hof vertrieben waren, sollte ebenso» wie den Soldaten, die hier standen, in der Bestzeit wenigstens ein Schimmer häuslichen Behagens geboten werden. Die nimmermüde Gebefreudigkeit stellte neue Mittel zur Verfügung. Waren dann manche Flüchtlinge nach der Septemberschlacht an den masurischen Seen wieder heimgekehrt, so brachten die ersten Oktobertage neue Scharen. "An dem Versöhnungstage hatten die Lycker flüchten müssen; sie wandten sich nach Königsberg. Die dem Vne Brith - Orden ungehörige Kantloge stellte ihre Baume zur Verfügung und spendete Beleuchtung und Heizmaterial. Die Flüchtlinge. die aus dem Zusammenbruch noch etwas gerettet hatten, waren glücklich, nicht auf Unterstützung angewiesen zu sein, sondern aus eigenen Mitteln den überaus gering bemessenen Betrag für die Beköstigung bestreiten zu können. Für die anderen wurde mit der Leitung der hiesigen Flüchtlingsfürsorgestelle ein dem ursprünglichen System ähnliches Verfahren vereinbart. Eine zweite F! l u ch t b e w e g u n g brachte Scharen von Flüchtlingen nach Königsberg; die Anzahl der verpflegten Personen belief sich Wochen hindurch auf 200. Die behördlichen Matznahmen haben nach Möglichkeit die Entfernung der Flüchtlinge aus der Festung Königsberg bezweckt. Allmählich ebbte die Flut ach so daß Ende Januar die Küche für die Flüchtlinge geschlossen werden konnte. Da. setzte ein drittes Mal die Fluchtbewegung ein. Am 18. März waren die Aussen in Memel eingedrungen. Scharenweise flüchteten die Bewohner in Schneestürmen zu Fuß über die Nehrung nach Cranz und Königsberg. Seelisch waren die Memeler Flüchtlinge fast noch mehr zusammengebrochen, als selbst die Flüchtlinge im November. In Verbindung mit der Fürsorgestelle für Flüchtlinge wurde wieder für Anterkunft, Verpflegung rurd Feier des Passahfestes für die Anglücklichen, auch für die in Cranz verbliebenen Flüchtlinge durch das Komitee Sorge getragen. Die freiwillige Organisation der Gemeinden, der Verband bet Shnagogengemeinden Ostpreußens ist in dieser außergewöhnlichen Lage an die Stelle einer gesetzlichen Organisation getreten, freilich ohne die Hilfsmittel zur Verfügung zu haben, die einer solchen zu Gebote stehen. Die Beamten der Gemeinden waren mit der Zerstörung des Gememdelebens durch die Flucht, teilweise bereitfrüher infolge der Einberufung der meisten Steuerzahler zu den Fahnen, ohne alle Subsistenzmittel; es gab keine Behörde, die ihnen ihre Gehalter weiterzahlte. Ein Aufruf des Verbandsausschusses an die Glaubensgenossen im ganzen Reichs ergab einen erheblichen Betrag, der es ermöglichte, den Beamten zwar nicht ihre Gehalter zu zahlen, aber doch ansehnliche Subventionen zu gewahren, bis wieder geordnete Zustande eintreten. Der Ausschuß des Verbandes hat sich ferner an alle Synagogengemeinden in Deutschland mit der Bitte gewannt» nach dem Muster der Städtepatenschaften für den Wiederaufbau des jüdischen Gemeindelebens tätig zu sein. Die Anregung hat erfreulicherweise Anklang gefunden. Die größten Städte, besonders Berlin, waren Sammelpunkte der jüdischen Flüchtlinge. Was da von seiten des Roten Kreuzes, des Ostpreußischen Anterstützungsvereins der Gesellschaft der Feunde ostpreußischer Flüchtlinge geleistet wurde, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Die ständige Herberge des Jüdischen Volksvereins m Berlin mit zirka 50 Betten war am ersten Mooilmachungsta^e besetzt; in den folgenden Wochen wurden neun neue Herbergen eingerichtet. Der Bestand an ostpreußischen Flüchtlingen in den Herbergen des Jüdischen Volksvereins schwankte