Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1915)
- Article
- Deutschland und die Ostjudenfrage
- Date
- 1915-10-01
- Page
- 195 (sequence 1)
- Language
- German
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Deutschland und bk Ostjudenfrage. 195 Inhalt: Deutschland und die Ostjudenfrage. Von Dr. Felix Gold mann-O ppeln. — Reformanstalten, jüdische Schüler und Oberlehrer. Von Direktor Or. Adler- Frankfurt. — Dem Andenken zweier Getreuer. —< Vereinsnachrichten. — Korrespondenzen. — Wirtschaftliche Angelegenheit. — Briefkasten. — Vermischtes. — Bücherschau. Deutschland und die Ostjudenfrage. Von Or. Felix Gold mann-Oppeln. Das hätte sich der Ostjude noch vor wenigen Jahren gewiß nicht träumen lassen, daß jemals sein Schicksal in den Vordergrund der europäischen Interessen rücken könnte. Erhob er klagend seine Stimme, um von seinen seelischen Qualen und der leiblichen Not zu erzählen, so begegnete er außer bei seinen Glaubensgenossen nur kühlem Achselzucken oder allenfalls einem, wohlwollenden, aber theoretischen Mitleid, das zu nichts verpflichtete und keine Folgen zeitigte. Und fast über Nacht ist es anders geworden. Der Krieg, der eine Umkehrung so vieler Werte und Anschauungen brachte, hat auch hierin Wandel geschaffen. Das Ostjudenproblem ist jetzt eine deutsche, eine europäische Frage! Nun stimmt allerdings das neuerwachte Interesse keineswegs zu den Wünschen und Hoffnungen, die der schwergeprüfte Ostjude billigerweise hegen durfte. Nicht dem Mitleid verdankt es seine Entstehung, sondern wirtschaftlichen Besorgnissen; nicht Liebe und Menschenfreundlichkeit sind seine Triebfedern und sein Inhalt, sondern es spricht aus ihm fast überall blasse Furcht und daneben meist noch mehr oder weniger unverhüllter Judenhaß. Alle Zeitungartikel und Flugschriften, deren in den letzten Wochen über diesen Gegenstand unendlich viele erschienen sind, drehen sich um die eine Frage: WelcheFolgenkönntedie Masseneinwanderung polnischer Juden haben die unter den veränderten politischen Verhälltnisse'n nach dem Kriege zu erwarten ist? And sie alle geben einmütig dieselbe Antwort: Jeder Zuwachs an polnischen Juden muß unter allen Amständen verhütet werden! Den Beginn mit diesen Betrachtungen über den ostjüdischen Zuzug machte eine Schrift des Kaiserlichen Geheimen Regierungsrats Georg Fritz unter dem Titel: „Die Ostjudenfrage, Zionismus und Grenzschluß." Sie ist auch die bedeutend st e der Veröffentlichungen geblieben, nicht nur im Hinblick auf die Stellung und damit den Einfluß des Verfassers, sondern auch wegen ihres sachlichen Inhalts. Man muß Fritz zugestehen, daß er mit großem Ernste an seine Aufgabe gegangen ist. Er besitzt eine Belesenheit in der