Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1915)
- Article
- Toleranz
- Date
- 1915-08-01
- Page
- 176 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316851-2316855-2349919--25596-2350051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
176 Im deutschen Reich. ihren poetischen Wert derart, daß sie fast alle der Vergessenheit anheimgefallen sind. Was aber an ihnen wirklich, wertvoll und bleibend ist, ihr Eintreten für echte Toleranz, das gleichbedeutend war mit dem Eintreten für die unterdrückten und verachteten Juden, haben seine Ausführungen der Nachwelt gerettet. Von Einzelheiten kann an dieser Stelle, die das Buch nicht vom philosophischen und literarhistorischen, sondern vom jüdischen Standpunkte aus behandelt, nur erwähnt werden, was uns als Juden interessiert. So ließe sich einiges darüber sagen, ob man den bekannten Konsistorialrat 'Teller zu den unbedingten Vertretern des Toteranzgedankens rechnen darf. Seine „Beantwortung des Sendschreibens einiger jüdischer Hausväter" verrät zum mindesten, daß er der Gleichberechtigung der Juden mehr als kühl gegenüberstand. Auch von der Duldsamkeit des Großen Friedrich sei bemerkt, daß sie durchaus theoretischer Natur war. Die Juden zum mindesten haben von ihr nie etwas gemerkt; ihnen war er ein härteres Oberhaupt als alle zeitgenössischen Fürsten Europas. Den Schluß des Büchleins bildet eine kurze Darstellung der Nachwirkungen dieser Toleranzveriode in der Geschichte späterer Zeiten. Wolfs leitet aus ihr drei große Strömungen her: den Individualismus, der die Achtung vor dem Individuum und seinem Werte lehrt, den Nationalismus und den Kosmopolitismus. Vom jüdischen Standpunkt aus wird man freilich den ersten und letzten dieser drei Begriffe nicht als abhängig von der Toleranz ansehen, sondern als ihr gleichgeordnet und gleichaltrig, da sie alle im Wesen der jüdischen Religion begründet sind. Interessant ist aber, daß der Verfasser auch den Nationalismus als Folge des Toleranzgedankens feiert! Freilich deutet er ihn als „das Recht der Völker auf eigenes Leben und Erleben," und wenn er noch hinzugefügt hätte: „innerhalb der Grenzen allgemeingültiger Ethik," so würde man ganz gewiß diese Lehre als Nebertragung des Individualismus vom Einzelnen auf die Gemeinschaft als ganzes annehmen und vertreten können. Er hätte aber ein anderes Wort wählen müssen; denn Nationalismus im heutigen Sinne ist ganz etwas anderes! Auf das unabänderliche Fatum der Schicksalsbestimmung durch Raffenzugehörigkeit schwörend, ist er 'btt ärgste Feind des Individualismus und der Inbegriff fanatischer Intoleranz. Wir Juden wissen am besten, daß er den Mittelpunkt aller Bestrebungen bildet, die der wahren Toleranz, der jüdischen Gleichberechtigung, feindlich gesinnt sind. Dem Büchlein, das einen interessanten Einblick in das Werden der Anschauungen unserer Zeit gewährt, seien recht viele Leser aus den Kreisen unserer andersgläubigen Mitbürger gewünscht. Es erzählt von einer Periode, die in der Theorie geistig überwunden ist, denn das Ideal liebevoll gewährender Toleranz hat dem höheren des Rechtes Platz gemacht. Möge es in seiner ungewollten, aber eindringlichen, schlichten Tendenz recht viele Zeitgenossen zum Denken anregen und sie zu Mitstreitern erziehen, damit die graue Theorie recht bald zu lebendiger Wahrheit werde. Dr. Felix Goldmann- Oppeln. * Vereinsnachrichten. — Beförderungen. Unser hochgeschätztes Vereinsnritglied, Stadtrat, Rechtsanwalt D r. Ludwi g Haas in Karlsruhe, Mitglied des Deutschen Reichstages, trat bei dem Ausbruch des Krieges sofort als Freiwilliger in das Heer ein und erwarb bei den Kämpfen im Westen bald das Eiserne Kreuz II. Klasse. Iw Juni